Eins
Miez Marple starb. Vor Langeweile. Sie tat das, was einer Katze am besten liegt: jammern. Sie beschwerte sich bei jeder Gelegenheit: wenn das Futter zu früh kam, wenn das Futter zu spät kam, wenn das Futter kam, aber nicht die richtige Temperatur hatte, wenn es im Haus zu laut war, wenn es im Haus zu leise war, wenn man ihr zu viel oder zu wenig Aufmerksamkeit schenkte. Sie rekelte sich in ihrem gepolsterten Korb, streckte alle Gliedmaßen von sich und gähnte, sodass sich ihr Gesicht in eine mit Fangzähnen bewährte Grimasse verwandelte – die Fratze der Langeweile. Dabei hatte sie seit ihrem spektakulären Comeback vor einem Jahr alle Pfoten voll zu tun: Räuberische Hundebanden, terroristische Kanarienvögel und die Katzengrasmafia um Don Katzino sorgten für eine hohe Auftragslage in der Katzendetektei. Vor einem Monat hatte sie den gemeingefährlichen Betrüger Catsanova überführt, der sich bei älteren Katzendamen einschmeichelte, um sie dann um ihr gesamtes Futter zu bringen. Der dreiste Kater trieb es mit seiner Manipulation oft so weit, dass er die Menschen gegen ihre eigenen Katzen aufbrachte. Das hatte zur Folge, dass einige von ihnen sogar im Tierheim landeten, während er es sich in den warmen Körben seiner Opfer gemütlich machte. Miez Marple war über diese moralischen Abgründe nicht verwundert. Sie kannte die Stadt seit vielen Jahren und wusste, dass sie ständig neue Blüten der Bosheit hervorbrachte. Doch so aufregend der Job als Detektivin auch sein mochte: Wie in jedem Beruf setzte nach einiger Zeit eine gewisse Routine ein. Katzen kamen zu ihr, miauten herzzerreißend ihr Leid heraus und erwarteten, dass Miez Marple augenblicklich ihr Feuchtfutter der trockenen Heizungsluft überließ. Zwar liebten die meisten Katzen es, wenn ihr Alltag durch wiederkehrende Rituale strukturiert war, doch Miez Marple war nicht wie andere Katzen. Sie empfand die ständige Wiederholung als äußerst zermürbend.
Was sich jedoch seit ihrer Rückkehr geändert hatte, war ihre neu gewonnene Popularität. Ohne ihr Zutun versank die Stadt schneller im Chaos, als man miauen konnte, und das hatte die Öffentlichkeit nun endlich begriffen. Miez Marple war vor dem spektakulären Fall um Lady McPointer keineswegs eine Unbekannte gewesen, aber jetzt, jetzt war sie ein Star: Man lud sie zu feinen Abendessen in den besten Lokalen der Stadt ein, fremde Katzen und Kater grüßten sie euphorisch auf der Straße und wollten Fotos mit ihr machen, und selbst dieBellt-Zeitung berichtete beinahe neutral über sie. Auch um das literarische Werk der flauschigen Ermittlerin hatte sich eine kleine Fangemeinde gebildet. Ihr Lyrik-BlogSynkopen und Pfoten hatte mehrere Hundert Zugriffe am Tag, worüber sie sich immens freute. Ihre letzte Arbeit – ein Versepos über Lichtquadrate auf dem Fußboden – war jedoch unvollendet geblieben. Um sich inspirieren zu lassen, hatte Miez Marple die Vorhangs