1912
1
Die milde Septembersonne vertrieb die dunklen Schatten der Nacht in der Marsch und ließ die reifen Getreidefelder golden leuchten, die Erntehelfer schnitten mit den Sensen den Hafer und banden ihn in Garben. Bertha betrachtete zufrieden den Fortschritt, zusammen mit ihrem Mann Peter besuchte sie regelmäßig die Felder, es war zu einer lieben Gewohnheit geworden, die sie in den vergangenen vierzehn Jahren gepflegt hatten. Mit dem Erfolg der Haferflocken veränderte sich alles; selbst die negative Einstellung ihrer Schwiegermutter ihr gegenüber als Peters Ehefrau, was einem Wunder glich und zu einem harmonischen Miteinander führte. Einzig Peters angeschlagener Gesundheitszustand weckte Berthas Sorge. Aus diesem Grund reisten sie mit der Kutsche häufig in die Marsch. Seinen Lungen tat die frische Luft gut. Zu Beginn ihrer Ehe waren die Überlandfahrten eine Flucht vor Charlotte, nun kam es Bertha vor, als versuche sie, der voranschreitenden Lungenkrankheit ihres Mannes davonzufahren.
An Tagen wie diesen wirkte er kraftvoll wie in jungen Jahren, glücklich sah sie Peter an. »Es wird eine reiche Ernte.«
»Ja, wir können zufrieden sein.« Er legte seinen Arm um sie, reglos genossen sie die Nähe des anderen. »Claus macht sich blendend im Werk.«
»Lass uns dennoch zurückfahren, Marie hat für heute die Lieferung der Walzen zugesichert.« Noch immer stellte sich bei Bertha ein Gefühl von tiefer Zufriedenheit ein, sobald sie der Haferflockenherstellung zusah, mit den neuen und handgefertigten Walzen würden sie noch feiner werden. »Außerdem möchte ich nachher einen Kuchen backen.«
Peter gab ihrem Vorarbeiter Herrmann die Anweisung, ihm nach seiner Rückkehr vom Feld Rapport zu erstatten, und mit einem Tippen an seinen Hut verabschiedete er sich von ihm.
Bertha saß neben Peter auf dem Kutschbock und blinzelte in die Sonne, die beiden Rappen zogen die Kutsche in gemächlichem Trab den Feldweg entlang in Richtung Elmshorn.
Schon von Weitem sah sie den hoch aufragenden Schornstein des Werks, der einzigartige Geruch nach gepresstem Getreide in der Luft intensivierte sich mit jedem Meter, den sie sich dem roten Backsteingebäude näherten, bis in weißen LetternPETERKÖLLN ins Auge stach. Der Aufbau nach dem großen Brand stellte wie die Herstellung der Haferflocken einen Neuanfang dar, wie ihn sich Bertha in ihren kühnsten Träumen nicht hätte ausmalen können. Der Kauf der Wiesen an der Krückau erwies sich als Segen, obwohl der verschlammte Fluss bei Niedrigwasser an manchen Tagen unbefahrbar war.
Bei den Anlegestellen von einem Hafen zu sprechen, wäre übertrieben, dennoch erleichterte es den Transport der Lieferungen, zusätzlich hatte die große Brandkatastrophe sie als Eheleute fester zusammengeschweißt.
Die aufragenden Masten der Ewer und Schuten zeigten die angekommenen Getreidelieferungen aus Skandinavien und kündigten die Verladung der daraus entstehenden Grütze- und Haferflockenbestellungen an. Die Geschäfte liefen ausgezeichnet.
Vor dem neu gebauten Wohnhaus hielt Peter, half Bertha beim Absteigen und tippte sich gewohnheitsmäßig an den Hut. »Ich spanne ab.«
»Ich bereite in der Küche etwas vor, dann lass uns zusammen ins Werk gehen.« Sie schenkte ihm ein Lächeln und betrat ihr weitläufiges Heim. Der Hauptbereich ragte zwei Stockwerke in die Höhe, die D