PROLOG
Der kalte Nieselregen, der Lennart Ipsen aus einem grauen Himmel ins Gesicht wehte, war die passgenaue meteorologische Entsprechung seiner Laune. Wie immer war seine Reihe die letzte gewesen, die man am Fährhafen aufgerufen hatte. Kein Platz mehr in der Lounge, kein Tisch mehr im Restaurant, sogar der Ruhebereich platzte schon aus allen Nähten. Zwar war inzwischen Nachsaison, die angeblich die ruhige Zeit auf Bornholm einläutete. Doch davon schienen die hier versammelten deutschen Rentner noch nichts gehört zu haben. Überwiegend in Campingmobilen besuchten sie nach den Schulferien in großer Zahl die dänische Insel mitten in der Ostsee, auf der Lennart von jetzt an arbeiten und leben würde. Für immer? Mal sehen. Zumindest bis heute Morgen war das noch sein Plan gewesen. Mehr noch: sein Traum, makellos, strahlend. Und nun hatte der schon nach den ersten zwei Stunden beachtliche Kratzer abbekommen. Trotzdem: Es war entschieden, und er musste da durch. Wenigstens für die Dauer eines Jahres, in dem er abschalten, runterkommen, sein Leben maximal entschleunigen würde. Danach könnte er weitersehen. Lennart zog seine Kapuze in die Stirn, hob den Blick zum Horizont. Rügen war längst außer Sichtweite, der Hafen von Rønne noch weit entfernt. Niemandsland. Er dachte an seine Abreise, bei der ihm Freunde und seine beiden Töchter Glück gewünscht hatten. Glück für seinen Neuanfang in der alten Heimat Dänemark. Heimat? Sicher, er war dänischer Staatsbürger, war gleich hinter der deutschen Grenze auf dänischem Gebiet geboren, auch wenn seine Mutter Hamburgerin und Flensburg immerseine Stadt gewesen waren. »Den Deutschen« hatten sie ihn deshalb beim Studium in Kopenhagen immer genannt. An dessen Ende hatte er dann Andrea kennengelernt, auch sie eine Deutsche, aber eine richtige. Sie hatte damals nach ihrem zweiten Lehramts-Examen ein Auslandsjahr gemacht, war schließlich geblieben und hatte begonnen, als Lehrerin zu arbeiten.
Lennart hingegen war inzwischen schon seit über zwanzig Jahren Beamter bei der dänischen Polizei, erst bei der Kripo in Kopenhagen, dann auf internationaler Ebene in Lyon und Brüssel. Und das mit vollem Einsatz: hochdekoriert, hochgelobt – und dennoch tief gefallen. Gefallen in ein Loch, das sich mit einem Mal vor ihm aufgetan hatte. Ohne Vorwarnung. Ohne Leiter, um herauszuklettern. Nichts hatte darauf hingedeutet, und doch hatte es ihn eingesaugt, ihm mit einem Schlag nicht nur sein Lächeln geraubt, sondern jegliche Energie und Lebensfreude. Still war es geworden in ihm. Still und grau und einsam. Seine Ärztin hatte das alsBurnout, seine frischgebackene Ex-Frau Andrea hingegen lapidar alsseinnerviges Miesdraufsein tituliert, das sie nicht mehr ertragen könne. Dann eben nicht. Eine Weile hatte er geglaubt, für immer in diesem Loch festzusitzen, doch dann hatte er alle Kräfte aufgeboten, um sich daraus zu befreien. Und es hatte geklappt. Zwar war er noch nicht ganz wieder auf dem Stand von vorher – aber er würde wieder rauskommen aus dieser Scheiße. Wenn es überhaupt eine Sache gab, auf die er stolz war an sich, dann auf seinen unerschütterlichen Mut weiterzumachen, den Kopf freizubekommen, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen.
Er lehnte sich weit über die Reling und ließ die feuchte Luft in seine Lungen strömen. Es roch nach Meer, nach Jod, nach Algen, dem Dieselqualm aus dem Schornstein über ihm.Nein, korrigierte er sich innerlich: Es roch nach Freiheit.
Frei würde er sich fühlen. Das vor allem. Frei. Ungebunden. Leicht. Keine internationalen Meetings mehr, keine »Dossiers zur inneren Sicherheit moderner Demokratien«, keine langweiligen Abendessen mit irgendwelchen Staatssekretären, leitenden Beamten und Europaabgeordneten, mit Hilfe derer die sich letztlich nur ihrer eigenen Relevanz versicherten. Und auch keine Ehefrau mehr, die abends schon im Bett war, wenn er heimkam, die ihm ständig vorhielt, den Beruf über die Familie zu stellen, der er zu sehr Technokrat und zu wenig Hausmeister, Vater, Liebhaber und Abenteurer in einer Person war. Die beiden Mädchen waren bei ihr geblieben, darauf hatt