Die Guten und die Gerechten – Vom Geschlechter-Zwiespalt der Moral
Prof. Dr. Gertrud Nunner-Winkler
Von Henriette Hufgard& Kristina Steimer
»16,50 Euro, bitte«, sagt der Taxifahrer und hält vor einer Hofeinfahrt. Das Haus, in dem Gertrud Nunner-Winkler lebt, steht in der kleinen Gemeinde Pullach bei München. Zwei der Orte, an denen Nunner-Winkler lange gearbeitet hat, befinden sich ganz in der Nähe: Über fünfunddreißig Jahre war sie an Max-Planck-Instituten in Starnberg und in München tätig – davon ein Jahrzehnt, von 1971 bis 1981, als wissenschaftliche Mitarbeiterin von Jürgen Habermas. Dieser ist Teil der zweiten Generation der Kritischen Theorie und gilt bis heute als bedeutende Figur innerhalb dieser philosophischen Richtung. Im Jahr 2001 erhält Nunner-Winkler, damals sechzigjährig, einen Professorinnentitel und eine Lehrerlaubnis von der Ludwig-Maximilians-Universität München, derLMU, während sie zugleich weiterhin am Max-Planck-Institut tätig war.
Was uns vor ihre Tür in Pullach im Isartal brachte, war jedoch nicht diese beeindruckende Karriere – die schon für sich genommen herausragend ist. Besonders, wenn man bedenkt, dass eine akademische Laufbahn für Frauen ihrer Generation – Nunner-Winkler ist 1941 geboren – in Deutschland fast noch unvorstellbar war. Es sind die Inhalte, mit denen sie sich auf ihrem langen Schaffensweg befasste: wie entwickelt sich bei Menschen die Motivation dafür, moralisch zu handeln – und wie wandeln sich die Moralvorstellungen selbst? Sie traf damit den Nerv der Zeit, denn sie verknüpfte das philosophische Thema Moral in ihrer soziologischen Forschung mit gesellschaftspolitischen und kulturellen Fragen nach Geschlechterrollen und Gender in einer Weise, die bis heute kaum an Virulenz verloren hat.
Wir klingeln. Gertrud Nunner-Winkler bittet uns sogleich an den Esstisch ihrer Wohnung. Dort liegt ein Stapel bleistiftbeschriebenerDIN-A4-Blätter, daneben zwei Flaschen Wasser, drei Gläser und eine Vase mit rot-gelben Tulpen.
»Ich habe mal alles vom Tisch geräumt, damit wir Platz haben, aber dachte mir – Wasser brauchen wir schon!«, sagt sie und lächelt auffordernd. Das folgende dreistündige Gespräch beweist – nicht nur auf dem Tisch brauchten wir Platz: Die Themen, in die wir eintauchen, verlangen in ihrer Aktualität und Komplexität einen ebenso wachen wie weiten Geist.
Moral und Geschlecht: It’s a match! Not
Wir befinden uns im Jahr 1982. Es ist das Jahr, in dem das erstein vitro gezeugte Baby geboren wird, Helmut Schmidt von derSPD wird durch ein konstruktives Misstrauensvotum als Bundeskanzler gestürzt und Helmut Kohl von derCDU zu seinem Nachfolger gewählt. In den Radios ersingt sich Nicole mit dem LiedEin bißchen Frieden den Grand Prix Eurovision de la Chanson undE. T. – Der Außerirdische kommt mit durchschlagendem Erfolg in die Kinos. Vor allem aber ist es das Jahr, in dem sich eine hitzige feministische Debatte um die Moral entzündet. Eröffnet wurde diese von derUS-amerikanischen Psychologin Carol Gilligan und ihrem Vorgesetzten Lawrence Kohlberg, Professor für Erziehungswissenschaften an der Harvard University School of Education. Und innerhalb kürzester Zeit knüpfte die Soziologin, Psychologin und kritische Theoretikerin Gertrud Nunner-Winkler daran an, ähnlich wie auch andere namhafteUS-amerikanische Protagonist:innen wie die kritische Philosophin Seyla Benhabib. Auf dem Spiel stand nichts Geringeres als das Moralvermögen der halben Welt: die Moral der Frauen – eine ›weibliche Moral‹?
Alles nahm seinen Anfang darin, dass Kohlberg ein Modell entworfen hatte, das die Entwicklung des moralischen Empfindens von Kindern und jungen Erwachsenen in sechs Stufen rekonstruieren und darstellen konnte. Was Kohlbergs Kollegin Carol Gilligan an diesem Stufenmodell störte, war recht einfach ersichtlich: In den Erhebungen schienen Frauen in großer Zahl auf der dritten Stufe ihre Entwicklung zu beenden, während Männer es wie von Zauberhand fast immer auf Stufe vier schafften. Auch auf Stufe fünf und sechs, die nur sehr wenige Befragte erreichten,