1937
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Die milde Frühlingssonne schien vom Elmshorner Himmel, die Vögel zwitscherten lebhaft, und fast glaubte Else Kölln, die Welt sei ein friedlicher und hoffnungsfroher Ort. Doch seitdem die Hakenkreuzfahnen an vielen Häusern in der lauen Brise wehten und der Reichsadler in einem riesigen Banner von Dach zu Dach gespannt über die Königstraße wachte, schien der Frieden nur geborgt zu sein.
Auf dem Weg zu ihrer Schwägerin schlenderte Else an der Krückau entlang. Claus’ Schwester Helene hatte mit ihrem Mann Hannes Jülich vor vier Monaten die Konservenfabrik verkaufen müssen, nachdem der aufgerufene Judenboykott sie beinahe in den Ruin getrieben hatte. Die neuen Auflagen für den Export, der die Jülichs die letzten beiden Jahre über Wasser gehalten hatte, zerstörten auch diese Strategie. Im Deutschen Reich tätigte kaum jemand Geschäfte mit jüdischstämmigen Fabrikanten, und selbst das wenige lief heimlich über Strohmänner.
Die Menschen suchten ihr Glück im Ausland, weit weg von Nazideutschland, das ihr Leben immer mehr in ihren Freiheiten beschnitt. Jedes Jahr ließ sich die Regierung neue Restriktionen einfallen, um deren Rechte zu beschneiden, dabei waren ohnehin nur noch wenige übrig. Über Elses Lieblingsschriftsteller Thomas Mann durfte öffentlich kein Wort gesprochen werden, man hatte ihm die Staatsbürgerschaft aberkannt und deklarierte ihn zum Landesfeind. Ihres Wissens nach lebte er inzwischen mit seiner Familie in der Schweiz, reiste aber häufig ins liberale Amerika. Vielleicht war Jazzmusik deshalb seit zwei Jahren im Radiofunk verboten, sie galt als undeutsch und verwerflich. Else mochte Louis Armstrong und Teddy Stauffer sowie andere Platten, die ihre Töchter aus Hamburg mit nach Hause brachten. Claus und sie hörten die Musik gerne, wenn sie auch nie dazu tanzten, das taten sie ausschließlich bei Walzer und Tango. Diese lebhaften Rhythmen gehörten der jungen Generation, trotzdem wollte Else wissen, womit sich ihre Töchter während ihrer Studienfreizeit in Hamburg beschäftigten. Solange es nur unerwünschte Musik war, blieb sie unbesorgt.
Vor Helenes Haus angekommen, klopfte sie an die Tür.
Ihre Schwägerin öffnete.
»Moin, wie geht es euch?«, grüßte Else.
Es musste für Hannes unendlich schwer gewesen sein, die Konservenfabrik seiner Familie zu verkaufen, um sie vor dem Ruin zu bewahren.
»Moin, Else, komm herein.« Helene gab den Weg ins Haus frei. »Lass uns besser drinnen sprechen, selbst