Zweites Kapitel
So spät treibt sich niemand mehr auf den Straßen in Lambeth herum, und ich vermisse das Hufgetrappel auf Kopfsteinpflaster und das Rattern der vorbeifahrenden Omnibusse. Die Stille macht mir deutlich, dass ich alleine bin, und veranlasst mich dazu, ständig nach Bewegung in der Dunkelheit Ausschau zu halten. Ein stilles London ist ein gefährliches London.
Plötzlich rast von hinten ein hupendes Automobil auf mich zu, und ich erschrecke mich beinahe zu Tode. Ich habe schon nach dem Messer in meinem Strumpfband gegriffen, als ich sehe, dass Maggie aus dem Ford Model T springt, der auf meiner Höhe gehalten hat.
»Du solltest dir eine Droschke nehmen. Es ist nicht sicher, hier nachts herumzulaufen.«
Ich fuchtle mit dem Butterflymesser in meiner Hand herum, bemüht, mir meine Unsicherheit nicht anmerken zu lassen. »Du weißt doch, dass ich immer ein Messer bei mir trage, Mags.«
Ich halte Augenkontakt und gebe mein Bestes, ihr Automobil nicht zu offensichtlich anzuglotzen. Es übersteigt meine Vorstellungskraft, ein eigenes Automobil zu besitzen, von neuen Seidenstrümpfen mal ganz abgesehen. Eine Welle des Neids überkommt mich, aber dann erinnere ich mich daran, wie sie sich das alles erarbeitet hat.
»Du solltest wissen, dass es zwecklos ist, mich darum zu bitten, mich einer Gang anzuschließen«, sage ich mit ausdrucksloser Stimme.
»Lass mich dich nach Hause fahren. Wir müssen auf der Fahrt nicht darüber reden. Sieh es einfach als einen Gefallen unter Freundinnen an. Bestimmt tun dir die Füße weh.«
Tatsächlich habe ich Füße wie Blei von dem langen Abend, an dem ich durch den Club gehetzt bin. Aber ich nehme ihr nicht ab, dass sie nur eine gute Tat vollbringen will. Die Maggie, die ich kannte, würde nicht so schnell aufgeben. »Ich bin durchaus noch in der Lage, zu Fuß zu gehen.«
»Ich will, dass du mich begleitest«, beharrt sie und dreht sich um, um mir die Beifahrertür zu öffnen. »Es ist doch nur eine Fahrt.«
Und als ob sie die Kontrolle über das Wetter hätte, fängt es an zu nieseln. Ich werfe ihr einen scharfen Blick zu, und ihre Lippen verziehen sich zu einem schalkhaften Lächeln. »Du willst doch nicht etwa im Regen nach Hause laufen, oder?«
Ich stöhne entnervt auf, gebe dann aber nach und gleite auf den Beifahrersitz. »Du fährst mit diesem Automobil und in diesem Outfit in The Mint? Dir sollte klar sein, dass nicht ich schuld daran bin, wenn du ein halbes Dutzend Mal überfallen wirst.«
Sie lacht, schweigt aber und hält ihr Wort, Mary oder die Gang während der Fahrt nicht zu erwähnen. Es herrscht ein seltsames Schweigen zwischen uns – zwei Freundinnen, die sich auseinandergelebt haben. Ich möchte sie so viel fragen, starre aber stattdessen aus dem Fenster und beobachte, wie gepflegte Wohnhäuser und Geschäfte von Minute zu Minute immer seltener am Stra