: Felicity Pickford
: Winterträume im kleinen Grandhotel Ein Weihnachtsroman
: Goldmann
: 9783641272326
: Charming Street
: 1
: CHF 8.00
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 272
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Wie die Tradition es verlangt, erhält auch in diesem Jahr ein Ehrengast die Einladung, die Weihnachtstage im '24 Charming Street' auf der Isle of Skye verbringen zu dürfen - es ist Harold, der ebenso beliebte wie legendäre Busfahrer der Insel. Allerdings befindet sich das altehrwürdige Hotel in Aufruhr: Mr. Fletcher, der neue Leiter, hat ein Filmteam engagiert, das die sonstige Beschaulichkeit gehörig durcheinanderbringt und auch noch dafür sorgt, dass ausgerechnet am Heiligen Abend der Strom ausfällt. Spontan bietet Harold den Anwesenden an, die Feier in seinen Bus zu verlegen und eine Art Weihnachtspicknick auf Rädern zu veranstalten. Und während er die Gäste bei Punsch und Pudding durch die romantisch verschneite Winternacht kutschiert, geht nicht nur für ihn ein Traum in Erfüllung, von dem er gar nicht wusste, dass er ihn überhaupt hatte ...

Felicity Pickford arbeitet seit vielen Jahren in einer kleinen Buchhandlung. Sie kennt und liebt Grand Hotels, seit sie sich mit Anfang Zwanzig von einem Spielgewinn eine kurze Reise nach Wien mit einem Aufenthalt im Hotel Sacher geleistet hat. Doch besonders haben es ihr die kleineren luxuriösen Häuser angetan. Deshalb sucht sie bevorzugt die weniger bekannten Schmuckstücke auf, sei es in Florenz, Prag, Paris oder Edinburgh. Die Idee zu '24 Charming Street' kam ihr, als sie eine Reise in ein entzückendes Grand Hotel in den Bergen absagen musste. Denn die beste Therapie gegen Fernweh ist es ja, sich hinweg zu träumen.

Das Gute liegt so nah


Ein Versprechen hatte Harold dem Portier abgenommen: Man sollte es bitte für sich behalten, dass er an den Weihnachtstagen im kleinen Grandhotel zu Gast sein würde. Das war ihm wichtig gewesen, weil er vermeiden wollte, im Bus immerzu auf seinen Gewinn angesprochen zu werden. Und da Diskretion zu den wichtigsten Tugenden eines Hauses ersten Ranges gehört, drang nicht die leiseste Andeutung nach außen. Unter den Angestellten des Hotels war der bevorstehende Aufenthalt von Harold dem Busfahrer jedochdas Thema der Vorweihnachtszeit. Und so nimmt es nicht Wunder, dass bei seiner Ankunft nahezu die gesamte Belegschaft vor dem Eingang des Hotels Spalier stand, um den diesjährigen Ehrengast zu begrüßen.

Harold, der seinem Bus entstieg und lediglich eine Tasche mit sich führte, wie man sie eher bei seiner alten Tante Ghislaine vermutet hätte (nicht nötig zu erwähnen, dass sie tatsächlich von Tante Ghislaine stammte), blickte sich um, wer denn gerade erwartet wurde. Darauf, dass er selbst Anlass dieser Ehrengarde sein könnte, wäre er nicht im Traum gekommen. Weshalb er auch versuchte, möglichst unauffällig seitlich an dem Spalier vorbeizugehen und sich nach drinnen zu stehlen, was wiederum die Mitarbeiter des 24 Charming Street in eine Art belustigte Verlegenheit brachte und selbstredend in die ewige Chronik seltsamer Begebenheiten eingehen würde, die ein solches Haus naturgemäß führt – wenn auch nur in Form mündlicher Überlieferung.

»Mr Baker!«, grüßte Richard, als der Busfahrer eingetreten war und sich zum Empfang wandte. »Wie schön, dass Sie da sind. Wir haben Sie alle voller Vorfreude erwartet, wie Sie draußen schon sehen durften.«

»Mich? Ich meine: Die standen da für mich?«

Der Portier schenkte ihm sein aufgeräumtestes Lächeln. »Gewiss, Sir. Sie sind schließlich unser Ehrengast. Das bedeutet, dass Sie automatisch wie ein Fürst empfangen werden.« Was ein wenig geflunkert war. Denn selbstverständlich gehörte es zu den wichtigsten Tugenden des 24 Charming Street, ausschließlich jeden Gast wie einen Fürsten zu empfangen. Angesichts der verhältnismäßig kleinen Belegschaft und der Notwendigkeit, jedem Gast jeden Wunsch zu jeder Zeit in Vollendung zu erfüllen, waren allerdings Spaliere deshalb auch für Fürsten nicht vorgesehen. Die einzige Ausnahme bildete hierzu Seine Majestät der König. Falls es ihn gelegentlich auf die Isle of Skye verschlug.

»Tja«, sagte Harold. »Da wäre ich also.«

Richard räusperte sich, erklärte: »Ich denke, in Ihrem Fall können wir auf die Empfangsformalitäten verzichten, Mr Baker.« Er winkte Oliver, sich um das Gepäck zu kümmern, und schlug vor: »Möchten Sie vielleicht zunächst einen kleinen Begrüßungstrunk in der Bar nehmen?«

Während Oliver sich um Tante Ghislaines Tasche bemühte, die Harold ihm widerstrebend überließ, bedeutete Richard dem Ehrengast, ihm zu folgen. »Hier entlang, Sir, wenn ich bitten darf.«

Es waren ja nur ein paar Schritte von der Rezeption zu Kiharus Bar, die direkt an die Hotelhalle angrenzte oder – je nachdem, wie man es betrachtete – deren Verlängerung in den rückwärtigen Teil des Gebäudes war. Doch für Harold fühlte sich der Weg über die schweren Teppiche an, als ginge er auf Wolken. Wolken, die allerdings heftig vom Wind durchgerüttelt wurden.