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Samstag, 4. Februar 2023
Jokkmokk, Wintermarkt der Samen
Die Tage wurden länger.
Jeden Morgen stand die Sonne etwas früher auf, jeden Nachmittag verschwand sie ein paar Minuten später. Ihr mattes, aschgoldenes Licht traf auf den Rauch und die Wärme und die vielen Menschen, die sich durch die engen Gassen zwischen den Ständen schlängelten.
Jedes Jahr fand in der kleinen Stadt Dálvvadis3 im Norden Schwedens einer der ältesten Märkte der Welt statt: derVintermarknad4. Vierzigtausend Menschen kamen in die kleine, kaum dreitausend Einwohner zählende Stadt am Polarkreis und verwandelten das verschlafene Örtchen in das Zentrum der samischen Welt.
Bei knackigen Minusgraden zogen Rentier- und Hundeschlitten durch die verschneiten Straßen. Die bunten Trachten erzählten von der Herkunft ihrer Träger: Kautokeino, Trondheim, Jämtland, Dalarna … Touristen bestaunten das Kunsthandwerk; Konzerte, Ausflüge und vor allem die samische Küche rundeten das Angebot ab. Familientreffen, Socialising, Geschäft. Aber insbesondere eines: ein riesengroßer Spaß in eisiger Kälte.
Ravna packte Lars am Arm und schob ihn durch die Menge, die sich vor dem Stand ihrer Mutter Hedda zusammengedrängt hatte.
»Hier! Hier ist es!«
Mit glühenden Wangen und leuchtendem Blick deutete sie auf die Auslage, in der Messer mit stählernen, breiten Klingen und einem Schaft aus geschnitztem Rentierhorn und Masurbirke lagen. So kunstvoll, filigran und fein ausgeführt unterschieden sie sich sehr von den normalen Gebrauchsmessern, die für tägliche Arbeiten und zu wesentlich günstigeren Preisen an anderen Ständen angeboten wurden.
»Unserestuoraniibi5.«
Sie hob den Glasdeckel der Vitrine an und holte eines der schweren Stücke heraus.
»Jeder von uns Samen besitzt mindestens drei Messer, für die verschiedensten Arbeiten. Das hier zum Beispiel wird für alle groben Sachen verwendet. Zum Spalten der Rentierknochen oder fürs Hacken von Feuerholz.«
Sie reichte ihm das Messer. Er trug wie jeder hier bei minus fünfzehn Grad bis minus vierzig Grad dicke Fäustlinge. Die Kälte hatte seine Nasenspitze gerötet und unter der dicken Wollmütze, über die er noch die Kapuze seiner Daunenjacke gezogen hatte, blitzten sie seine blauen Augen an.
»Interessante Tatwerkzeuge.«
Vorsichtig nahm er ihr das Messer ab und betrachtete es neugierig. Er warPolitibetjent6 in Kirkenes und wusste, wie schnell ein Gebrauchsgegenstand zur Waffe werden konnte. Ravna, aus eigener, bitterer Erfahrung, auch.
»Heddas Messer sollte man sich eher an die Wand hängen. Schau mal, diese Verzierungen. Und hier …« Sie wies auf das flache Ende des Schafts. »Da hat sie ein paar von unseren Runen eingearbeitet. Jedes sieht anders aus. In dieses hier hat sie die Sonne und den Gott der Jagd geschnitzt. Und unser Familienzeichen, diese Striche in der Mitte.«
»Was kostet so eins?«
Er sah aus, als würde er sich wirklich überlegen, es zu kaufen.
»Verhandlungssache«, sagte sie. »Wenn man natürlich die Tochter der Künstlerin kennt und sie ein gutes Wort einlegt –«
»Ravna!«
Sie fuhr zusammen und drehte sich um. Hedda, bis eben im Gespräch mit einem Kunden, blitzte sie wütend an.
»Sag diesem Trottel, er soll das Messer zurücklegen!«, fauchte sie auf Samisch.
»Eadni?7«
Ravna s