Kapitel 4
Kirsty
Durch das Busfenster wirkt der düstere graue Himmel bedrohlich. Kirsty sieht zu, wie die Kondensstreifen die Scheibe hinunterrinnen, und schließt insgeheim Wetten ab, welcher als Erster die Pfütze auf der Gummilippe am Rahmen erreicht. Ihr Favorit scheint zu gewinnen, bleibt jedoch an dem Abfallverbot-Aufkleber hängen und sickert über den Rand.Wer zuerst zwei Punkte hat. Sie wird sich von dem miesen Wetter die Laune nicht verderben lassen.
Der Bus hält an der Haltestelle vor dem Blumengeschäft in der High Street. Mehrere Fahrgäste steigen mit tropfenden Schirmen und durchnässten Anoraks ein. Ein Mann mittleren Alters in einem billigen Anzug und einem feuchten Wollmantel setzt sich auf den leeren Platz neben ihr, ohne zu fragen, ob es okay ist, und schnalzt laut mit der Zunge, als sie nicht sofort ein Stück zur Seite rückt. Dann sitzt er da, seine Aktentasche demonstrativ auf dem Schoß, und wirft ihr vorwurfsvolle Seitenblicke zu.
Kirsty kennt ihn. Er arbeitet in der vierten Etage im Grünflächenamt und stand schon häufiger vor ihr in der Schlange der Cafeteria, wo er gewöhnlich ein üppiges Frühstück bestellt und sich nie bedankt.
Mit einem Ruck kommt der Bus vor dem Bezirksamt zum Stehen, einem massiven, wenig einladenden Betonklotz aus den Sechzigern. Kein Wunder, dass sich die Bürger beschweren, weil sie nicht wissen, wohin sie müssen, wenn sie ihre Parklizenzen verlängern oder eine neue Mülltonne beantragen wollen. Die Beschilderung durchschaut kein Mensch, und die Mitarbeiter am Empfang legen keinerlei Hilfsbereitschaft an den Tag, mit Ausnahme von Tony, der stets freundlich zu allen ist.
»Morgen, Kirsty«, begrüßt er sie überschwänglich, als sie in ihrer Handtasche nach ihrem Zugangsausweis kramt. »Kommen Sie doch einfach hier durch, meine Liebe. Na, schöne Feiertage gehabt?«
»Ja, sehr schön«, antwortet Kirsty nur, aber Tony erwartet offensichtlich, dass sie ins Detail geht. »Ich hab viel zu viel gegessen und getrunken und jede Menge Geschenke bekommen.«
»Haben Sie mit Ihrer Familie gefeiert?«, fragt er weiter.
»Ja«, antwortet sie. »Ich bin nach Strich und Faden verwöhnt worden und habe die ganzen Tage keinen Finger gerührt.« Sie meidet den Blickkontakt, für den Fall, dass er ihre Lüge durchschaut. Manchmal ist es leichter, den Leuten zu erzählen, was sie hören wollen, und nicht die Wahrheit – dass sie Weihnachten ganz allein verbracht hat.
»Können Sie mich durchlassen. Meine Karte funktioniert nicht!« Kirsty dreht sich um und sieht den Kerl aus dem Bus mit dem Drehkreuz kämpfen.
»Sie müssen sie oben hinhalten, nicht seitlich«, sagt Tony.
»Können Sie mich nicht einfach durchlassen? Ich bin spät dran. Das Theater brauche ich heute wirklich nicht.«
Tony drückt einen Knopf. »Einfach dagegendrücken.« Der Mann schiebt sich durch das Drehkreuz und hastet in Richtung Aufzug davon.
»Ein Dankeschön würde auch nicht schaden«