: Ciara Geraghty
: Jeder Tag ein neuer Anfang Roman
: Goldmann Verlag
: 9783641300708
: 1
: CHF 2.70
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 448
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Manchmal braucht das Glück eine zweite Chance ...

Nach einer schrecklichen Familientragödie verließ Marianne ihr Elternhaus in Irland für immer. Doch als ihr Leben Jahre später aus den Fugen gerät, muss sie in das baufällige Haus am Meer zurückkehren, in dem ihre Mutter Rita, eine exzentrische Künstlerin und trockene Alkoholikerin, noch immer lebt und eine kleine, schräge Gruppe an Ex-Alkoholikern versammelt. Obwohl Marianne anfangs zu allen auf Distanz geht, kann sie sich der liebenswerten Gemeinschaft nicht lange entziehen. Aber gerade als Marianne sich auch ihrer Mutter annähert, erfährt sie von einem streng gehüteten Geheimnis – und ihre Hoffnung auf einen Neuanfang scheint verloren ...

Ciara Geraghty lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Dublin. »Das Leben ist zu kurz für irgendwann« eroberte die Herzen der Leserinnen und Leser im Sturm und stand unter den Top Ten der Irish-Times-Bestsellerliste.

2


Das Haus hieß Ancaire, benannt nach einem ankerförmigen Felsen am Strand unten.

Den Namen hatte Marianne immer als passend empfunden.

Jetzt schon spürte sie das schwere Gewicht, das sie nach unten zog. Sie stampfte mit den Füßen auf die matschige Erde, um ihre Zehen zu beleben, und schlang die Arme um sich, in dem vergeblichen Versuch, den bitterkalten Ostwind abzuwehren, der mit salziger Meeresluft ihre ohnehin widerspenstigen Haare im Nu in einen feuchten krausen Wust verwandelte.

»Alles in Ordnung mit dir, Schatz?« Marianne öffnete die Augen. Sie hatte ihre Mutter fast vergessen. Was man nicht von vielen Leuten behaupten konnte. Das wurde allein schon durch Ritas Kleidungsstil verhindert.

Nicht zum ersten Mal fragte sich Marianne, weshalb ihre Mutter bei der Auswahl ihrer bizarren Klamotten niemals die Witterungsverhältnisse in Betracht zog. Weder der grellorange Seidenturban noch das ärmellose pinke Sommerkleid und das blutrote Bolerojäckchen konnten Wärme spenden. Und der Tag war so trüb, dass die gigantische Sonnenbrille enorm überflüssig war. Rita steuerte auf ihre Tochter zu, blieb dicht vor ihr stehen und legte ihr die Hände auf die Schultern. Marianne roch Zigaretten, Kaffee und den Kräuterduft, mit dem Rita nicht nur sich selbst, sondern gerne auch arglose Menschen in ihrer Nähe besprühte. Sie roch wie die Ampfertinktur, mit der Marianne in ihrer Kindheit Flos Brennnesselausschlag behandelt hatte.

»Willst du den Wagen noch parken?«, fragte Marianne und trat zurück, sodass Ritas Arme einen Moment lang ausgestreckt in der Luft hingen. Dann ließ Rita sie sinken, strich ihr Kleid glatt und blickte zu dem betagten Jeep hinüber, dessen breite Reifen im aufgeweichten Boden versanken. Es war ein altes Armeefahrzeug, dessen zerrissene Plane im Wind flatterte, als könne das rostige Gefährt sich jederzeit in die Lüfte erheben. Ganz im Gegensatz zu dem großen Gockel, der sich inzwischen auf dem Dach niedergelassen hatte.

»Ist bereits geparkt.« Während Rita den großen Vogel herunterhob, sagte sie zu ihm: »Ich hab dir doch erklärt, dass du das lassen sollst, Declan. Beim letzten Mal bist du runtergefallen, weißt du das nicht mehr?«

Der Hahn starrte sie mit seinen schwarzen Knopfaugen an, und Rita setzte ihn auf den Boden. »Sieh mal zu, dass du Gerard findest. Auf dem alten Ziegenbock kann ja jeder Platz nehmen.« Sie kraulte den bunten Federschopf des Gockels, während Marianne ihre zwei Koffer aus dem Jeep nahm.

»Du hast ja wenig Gepäck«, bemerkte Rita.

Einen schrecklichen Moment lang fürchtete Marianne, in Tränen auszubrechen wie ein hilfloses Kleinkind. Stattdessen stellte sie die Koffer ab und täuschte ein Husten vor. Rita schlug ihr so schwungvoll auf den Rücken, dass Marianne vorwärtstaumelte. Sie hatte vergessen, dass ihre Mut