BlutBad
Es gibt Anblicke, die lassen selbst einem hartgesottenen Herzchirurgen das Blut in den Adern gefrieren: Dicht unterhalb der linken Brustwarze meines Patienten stak das helle Griffstück eines Fischmessers. Vermutlich eine Imitation von Perlmutt und in etwa sieben Zentimeter lang. Die Klinge war tief im Körper des Patienten Richtung Herz verschwunden. So weit war dieser Anblick für eine Messerstichverletzung noch erträglich. Auch der hellblaue Pullover, mittlerweile schwarz gefärbt und steif von geronnenem Blut, schockte mich nicht. Blut in allen Gerinnungsfaktoren ist sozusagen mein tägliches Brot. Es war das lautlose Tick-Tick, Tick-Tick, Tick-Tick, mit dem der Messergriff den Herzschlag im Inneren des Leibes außen sichtbar machte, das mir durch Mark und Bein ging. Kein Vibrieren oder Zittern, sondern eine feine und doch klar abgesetzte Bewegung. Als ob das Pendel einer Lebensuhr, das sonst unsichtbar in diesem Patienten schlug, plötzlich sichtbar würde. Ich schätzte die Herzfrequenz auf 120, und dass ich sie erfassen konnte, ohne den Puls des Patienten zu fühlen, ohneEKG, ohne dass ich den Brustkorb eröffnet hatte, ließ mich schaudern. Es kam mir vor, als sende mir dieses schwerstverletzte Herz geheime Morsezeichen, als funke es: Ich habe nicht mehr viel Zeit, mein Herzblut verlässt mich.
Kurz nach der Halbzeitpause hatte mein Telefon geklingelt. An der Nummer hatte ich die Zentrale der Klinik erkannt. O nein, dachte ich spontan, bitte nicht jetzt! Als Herzchirurg hatte ich dieses Wochenende an unserem Klinikum Dienst und bereits in der vorangegangenen Nacht operiert. Ich hatte heute auf eine Pause gehofft.
Mein Blick folgte dem blonden Schopf meines kleinen Sohnes, der an diesem diesigen Frühherbstnachmittag im gelben Fußballtrikotübers Spielfeld sauste. Die kurze Hose war ihm noch etwas zu groß, endete unterhalb seiner Knie und behinderte ihn fast mehr als der gegnerische Verteidiger, den er gerade mit einem gewagten Haken auszuspielen versuchte. Ich war sein größter Fan und konnte meinen Blick nicht abwenden. Was ich nun aber musste, als ich den Notruf aus der Klinik annahm.
»Guten Tag, Dr. Friedl, ich verbinde Sie mit dem Schockraum.«
Schockraum, in diesem Wort rauscht reines Adrenalin. Es ist der Ort, an dem man um ein Leben kämpft, sein eigenes oder das eines anderen, je nachdem, auf welcher Seite des Skalpells man sich befindet, am Handgriff oder unter der Klinge. Ein Ort, an dem das Leben buchstäblich auf Messers Schneide steht. Und so war es auch jetzt. Ein Kollege informierte mich: »Wir kriegen eine Messerstichverletzung rein. Laut Notarzt steckt das Messer noch im Brustkorb. Sie kommen bodengebunden mit dem Notarztwagen von irgendwo aus der Pampa. Zu viel Nebel zum Fliegen heute. Der Patient ist im schweren hämorrhagischen Schock1, der Notarzt hofft, dass sie es zu uns schaffen!«
»Bin unterwegs«, sagte ich. »Falls der Patient lebend ankommt, bringt ihn bitte sofort in den Herz-OP.«
Für eine umfassende Diagnostik mit Computertomographie im Schockraum ist bei solchen Patienten keine Zeit. Sie brauchen Behandlung, nicht Untersuchung, sonst verbluten sie. Sie benötigen einen Chirurgen, der das tödliche Ausbluten stoppt. In diesem Fall mich und mein Team.
»Ruft auch die Kardiotechniker an«, fügte ich sicherheitshalber hinzu, »falls wir die Herz-Lungen-Maschine einsetzen müssen.«
Schlagartig hatte sich meine Welt verändert. Alle Pläne für diesen Tag existierten nicht mehr. Kurz winkte ich meinem Sohn, aber er sah mich im Spieleifer nicht. Ich bat den Vater seines Kumpels, ihn später mit nach Hause zu nehmen, und fuhr in die Klinik. Auf dem Weg rekapitulierte ich meine Erinnerungen zu Messerstichverletzungen. Solche Traumata sind in Deutschland nicht alltäglich, anders als in