Pentapotamien
Aufgewachsen war Deep in Richmond, British Columbia. Genauer gesagt auf einer Insel an der Südflanke von Vancouver, die zwischen den zwei Armen des Fraser River eingeklemmt und dazu verurteilt war, vom ansteigenden Wasser der Salish Sea, in die beide mündeten, überflutet zu werden.
In der Grundschule hatte Deep einmal an einer »projektbasierten Lerneinheit« über Lachse teilgenommen, deren Fokus auf der Renaturierung eines nahen Baches lag, der begradigt und durch die Prozesse der Stadtrandentwicklung zum toten Gewässer gemacht worden war. Damals wie jetzt »körperlich aktiv« und »ein kinästhetischer Lerntyp«, hatte Klein Deep sich nie so recht für den Unterricht im Klassenzimmer interessiert. Im Regen mit einer Schaufel zu arbeiten und die Bewegung der Fische zu beobachten, das dagegen hatte ihn lebendig werden lassen.
Im Sommer kamen die Königslachse vom Meer herein und schwammen die Flüsse hinauf, um zu laichen. Das hatte den unbeabsichtigten, für Deeps Eltern jedoch wünschenswerten Nebeneffekt, dass sein Schuljahr sich verlängerte. Seine Familie betrieb Tankstellen. Mit einer einzigen in der Nähe von Chilliwack hatten sie in den Sechzigerjahren angefangen, doch inzwischen waren, durch ein Netz von Verwandtschafts- und Finanzbeziehungen miteinander verbunden, Reißnägel über die ganze Landkarte von British Columbia verteilt. Deep verknüpfte die Reißnägel mit topografischen Karten, auf denen der Verlauf von Flüssen zu sehen war, und beschwatzte seinen Vater, ihn auf Sommerexpeditionen mitzunehmen. Der setzte ihn mit Netz, Angel und Lunchpaket an irgendeinem Fluss ab und fuhr zu einer Tankstelle, in deren Hinterzimmer er mit einem Cousin oder Bruder abhing, während Deep am Flussufer auf und ab wanderte, herausfand, wo die Lachse waren, und sie zu fangen versuchte. An diesem Punkt in ihrem Lebenszyklus taugten sie nicht besonders zum Essen. Doch als er älter wurde und solche Tagestouren sich um Übernachtungen im Freien verlängerten, aß er die Fische trotzdem, gebraten über rauchendem Feuer, das mit feuchtem Holz anzuzünden er sich selbst beigebracht hatte. Auf der Rückfahrt von einem solchen Ausflug verlieh sein Onkel Dharmender ihm den Spitznamen, der dann hängen blieb. In den Geruch von Fisch und Rauch gehüllt, war Deep in Dharmenders Tankstelle gekommen und spontan Lox, also Räucherlachs, genannt worden. In Punjabi wurde das Wort (romanisiert) »Laka« geschrieben, aber ähnlich ausgesprochen, in Hindi »Laks«. Es war ein komischer Spitzname. Aber er brauchte einen, denn in seiner Welt gab es viele Leute mit Namen Deep Singh – in seiner Grundschule allein drei.
Laks’ Vater, ein frommer und liebevoller Mann, erholte sich nie so recht von der Erkenntnis, die ihm kam, als Laks ungefähr zwanzig Jahre alt war, nämlich dass sein Sohn nie eine höhere Bildung als die Highschool genießen würde, die er bereits abgeschlossen hatte. Laks’ Interesse an Fischen würde nicht zu einer Karriere als Wildbiologe führen. Fischer zu sein war eher wahrscheinlich. Er nahm überall an der Küste Ferienjobs auf gewerblichen Fischerbooten an: im Wesentlichen Hilfsarbeit, genau das Richtige für einen kräftigen, energiegeladenen Teenager. Anfangs wurde das als »Geldsparen fürs Studium« verbrämt. Doch Laks hätte keinen brauchbaren Studenten abgegeben. Er wa