: Michael Reh
: Die neun Gebote - Wie man sexuellen Missbrauch überlebt Ein Leitfaden für Überlebende, deren Familien und Freunde
: Charles Verlag
: 9783948486983
: 1
: CHF 8.00
:
: Lebensführung, Persönliche Entwicklung
: German
: 140
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Du kannst nicht ändern, was passiert ist, aber du kannst ändern, wie du damit umgehst. Du darfst neue Wege gehen! Was macht sexuelle Gewalt mit einem Menschen und seinem Umfeld? Diese Frage beantwortet Michael Reh, selbst Überlebender von jahrelangem sexuellem Missbrauch, in seinen neun Geboten. Der renommierte Fotograf und Autor beschreibt, wie Traumata entstehen, welche Prozesse den Betroffenen dabei helfen zu verdrängen, zu verarbeiten und zu überleben, sowie was Angehörige und Freunde tun können und welche Möglichkeiten ihnen selbst zur Verfügung stehen, um zu lernen, mit diesem letzten gesellschaftlichen Tabu umzugehen. In diesem persönlichen Leitfaden analysiert Reh nicht nur die komplexen psychologischen und gesellschaftliche Strukturen, die sexuellen Missbrauch ermöglichen, sondern lässt den Leser an seinen eigenen Erfahrungen teilhaben und zeigt Wege auf, die aus der Isolation, Scham und Schande herausführen können. Offen, schonungslos, heilend, die wahre Katharsis.

Nach seinem Studium der Medien- und Sprachwissenschaften in Hamburg und Paris zog Michael Reh nach New York. Dort begann er Ende der 1990er Jahre als Fotograf zu arbeiten, wobei er sich auf Werbe- und Modefotografie spezialisierte. Seine Fotos sind unter anderem in internationalen Magazinen, im alljährlich erscheinenden 'Men Edition'- und dem 2018 publizierten 'Lambertz'-Kalender zu sehen. Seine Ausstellung 'Traffic' zum Thema Drogenmissbrauch, von der deutschen Bundesregierung gefördert, wurde in verschiedenen Ländern gezeigt. Michael Reh veröffentlichte mehrere Fotobücher ('Sunkissed', 'Keine Zeit für Eitelkeit', 'Men in Motion'). Im März 2020 erschien sein autobiografischer Roman, der Bestseller 'Katharsis'.

DIE NEUN GEBOTE

1. DU DARFST ANGST HABEN

Über allem steht am Anfang die Angst. Die Angst, dich dem Unfassbaren zu stellen. Deinem Missbrauch.

Du warst ein Kind, vielleicht auch ein Teenager, als der Missbrauch stattfand. Mit dir wurde etwas gemacht, was für ein Kind, für einen jungen Menschen schwer verständlich ist, da er oder sie es noch nicht begreifen, analysieren, verarbeiten kann.

Dir wurde sexualisierte Gewalt angetan.

Wie solltest du es auch begreifen, denn es fehlten dir die Werkzeuge, damit umzugehen. Vielleicht warst du in der seltenen Situation, in der Eltern, die Familie, die nächsten Menschen in deinem Umfeld aufmerksam waren und die Veränderung, die der sexuelle Missbrauch verursachte, beobachtet haben. Das ist leider selten der Fall.

Die meisten sind erstmal allein mit dem Problem, mit dieser übergreifenden Situation. In der etwas mit dir gegen deinen Willen gemacht wurde. Wo ein*e Erwachsene*r, der*die ja eigentlich eine Schutzfunktion erfüllen sollte, diese ausgenutzt und zu seinem*ihrem eigenen sexuellen Vergnügen benutzt hat. An wen konntest du dich wenden, wenn der*die Täter*in in der Familie, vielleicht, im schlimmsten Fall, dein eigener Vater oder deine eigene Mutter war?

Ich wurde oft gefragt: Warum hast du denn nichts gesagt? Eine für mich immer wieder unverständliche Frage.

Eine Schuldzuweisung, die beinhaltet, dass man, aufgrund des Schweigens, selbst schuld an der Nicht-Aufklärung der Geschichte ist.

Wie soll ein Kind etwas dazu sagen, was unbegreiflich, unfassbar ist? Wie sich (verbal) mitteilen, nach einem Übergriff, der den Körper und die Seele schändet und bei dem ein Teil in dir getötet wird? Wenn Sexualität noch nicht Teil deines Empfindens ist.

Soll ein Kind zu einer sozialen Einrichtung oder zur Polizei gehen? Wird ihm geglaubt? Wie soll ein Kind beweisen, dass es passiert ist?

Wie soll ein verstörtes, traumatisiertes Kind das tun?

Was erwartet die Gesellschaft da eigentlich, wenn sie fordernd und anklagend fragt: Warum hast du nichts gesagt?

Ein durch sexuellen Missbrauch traumatisiertes Kind gibt andere Zeichen, kann oft die Sprache noch nicht einsetzen. Wird depressiv, spricht nicht, zieht sich in sich zurück, kapselt sich ab, da es mit der Situation nicht umgehen kann und Rückzug oft der einzige Weg des Selbstschutzes ist.

Wenn es da keinen Erwachsenen gibt, der aufmerksam ist und zuhört, hat man als Kind kaum eine Chance.

Das hat sich in den letzten Jahren langsam verändert, denn die Gesellschaft ist, notgedrungen durch die massive Anzahl von Fällen, für das Thema sensibler geworden. Aber wir sind immer noch sehr weit von einer umfassenden Aufklärung entfernt. Sexueller Missbrauch ist nach wie vor eines der letzten großen Tabus.

Wenn du also ein Kind hast, das sich verändert und Angst zeigt zu sprechen, gib ihm Raum, Vertrauen und Sicherheit. Sei einfach da!

Und überlege dir, wo du Unterstützung bekommst, damit du dich sortieren kannst, sicherer fühlst und für dein Kind da sein kannst. Das Hilfetelefon Missbrauch unterstützt bundesweit, anonym und kostenlos unter 0800 22 55 530.

Das Trauma ist oft so groß, dass der Missbrauch verdrängt wird. Und dann, oft Jahre später, kommen die Erinnerungen zurück. Meistens wird dies durch ein neues Trauma ausgelöst, wie zum Beispiel den Tod eines Angehörigen.

Erinnerungen können aber auch durch Filme, einen bestimmten Geruch, ein Gespräch, Träume oder andere Reize ausgelöst werden. Irgendetwas, das uns