DIE NEUN GEBOTE
1. DU DARFST ANGST HABEN
Über allem steht am Anfang die Angst. Die Angst, dich dem Unfassbaren zu stellen. Deinem Missbrauch.
Du warst ein Kind, vielleicht auch ein Teenager, als der Missbrauch stattfand. Mit dir wurde etwas gemacht, was für ein Kind, für einen jungen Menschen schwer verständlich ist, da er oder sie es noch nicht begreifen, analysieren, verarbeiten kann.
Dir wurde sexualisierte Gewalt angetan.
Wie solltest du es auch begreifen, denn es fehlten dir die Werkzeuge, damit umzugehen. Vielleicht warst du in der seltenen Situation, in der Eltern, die Familie, die nächsten Menschen in deinem Umfeld aufmerksam waren und die Veränderung, die der sexuelle Missbrauch verursachte, beobachtet haben. Das ist leider selten der Fall.
Die meisten sind erstmal allein mit dem Problem, mit dieser übergreifenden Situation. In der etwas mit dir gegen deinen Willen gemacht wurde. Wo ein*e Erwachsene*r, der*die ja eigentlich eine Schutzfunktion erfüllen sollte, diese ausgenutzt und zu seinem*ihrem eigenen sexuellen Vergnügen benutzt hat. An wen konntest du dich wenden, wenn der*die Täter*in in der Familie, vielleicht, im schlimmsten Fall, dein eigener Vater oder deine eigene Mutter war?
Ich wurde oft gefragt: Warum hast du denn nichts gesagt? Eine für mich immer wieder unverständliche Frage.
Eine Schuldzuweisung, die beinhaltet, dass man, aufgrund des Schweigens, selbst schuld an der Nicht-Aufklärung der Geschichte ist.
Wie soll ein Kind etwas dazu sagen, was unbegreiflich, unfassbar ist? Wie sich (verbal) mitteilen, nach einem Übergriff, der den Körper und die Seele schändet und bei dem ein Teil in dir getötet wird? Wenn Sexualität noch nicht Teil deines Empfindens ist.
Soll ein Kind zu einer sozialen Einrichtung oder zur Polizei gehen? Wird ihm geglaubt? Wie soll ein Kind beweisen, dass es passiert ist?
Wie soll ein verstörtes, traumatisiertes Kind das tun?
Was erwartet die Gesellschaft da eigentlich, wenn sie fordernd und anklagend fragt: Warum hast du nichts gesagt?
Ein durch sexuellen Missbrauch traumatisiertes Kind gibt andere Zeichen, kann oft die Sprache noch nicht einsetzen. Wird depressiv, spricht nicht, zieht sich in sich zurück, kapselt sich ab, da es mit der Situation nicht umgehen kann und Rückzug oft der einzige Weg des Selbstschutzes ist.
Wenn es da keinen Erwachsenen gibt, der aufmerksam ist und zuhört, hat man als Kind kaum eine Chance.
Das hat sich in den letzten Jahren langsam verändert, denn die Gesellschaft ist, notgedrungen durch die massive Anzahl von Fällen, für das Thema sensibler geworden. Aber wir sind immer noch sehr weit von einer umfassenden Aufklärung entfernt. Sexueller Missbrauch ist nach wie vor eines der letzten großen Tabus.
Wenn du also ein Kind hast, das sich verändert und Angst zeigt zu sprechen, gib ihm Raum, Vertrauen und Sicherheit. Sei einfach da!
Und überlege dir, wo du Unterstützung bekommst, damit du dich sortieren kannst, sicherer fühlst und für dein Kind da sein kannst. Das Hilfetelefon Missbrauch unterstützt bundesweit, anonym und kostenlos unter 0800 22 55 530.
Das Trauma ist oft so groß, dass der Missbrauch verdrängt wird. Und dann, oft Jahre später, kommen die Erinnerungen zurück. Meistens wird dies durch ein neues Trauma ausgelöst, wie zum Beispiel den Tod eines Angehörigen.
Erinnerungen können aber auch durch Filme, einen bestimmten Geruch, ein Gespräch, Träume oder andere Reize ausgelöst werden. Irgendetwas, das uns