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Ein Sprichwort besagt, gäbe es das Dunkel nicht, wüssten wir nicht von den Sternen. Während Rita an Deck der Vancouver Island Fähre stand, die gerade auf das kanadische Festland zusteuerte, fragte sie sich, ob es diese Sterne in ihrem Leben überhaupt gab. Wenn man zu lange in der Dunkelheit lebte, war man vielleicht gar nicht mehr in der Lage, sie zu sehen. Oder es war so, dass die Dunkelheit alle Sterne verschluckte und man sie deshalb nicht mehr wahrnahm. Sie hatte sich schon unzählige Male den Kopf deswegen zerbrochen, aber war nie zu einem Ergebnis gekommen.
Vermutlich suchte sie einfach nur nach einer Erklärung, warum sie aus dem Sumpf der schlechten Nachrichten und quälenden Gedanken nicht herauskam.
Rita schloss die Augen und lauschte den Wellen, die zischend gegen den Bug der Fähre prallten und dann still und leise im Meer wieder versanken. Als wären sie nie hier gewesen. Vielleicht war das mit den Sternen auch so. Sie tauchten nur kurz auf, um dann wieder sang- und klanglos zu verschwinden. So still und leise, dass man sie nicht einmal bemerkte.
Rita redete sich gerne ein, dass ihre Schwester Emma der Grund dafür war, dass sie Vancouver Island nun verließ, um für die nächsten drei Wochen in ihre Heimatstadt Golden Creek zurückzukehren. Schließlich hatte Emma sie die letzte Zeit damit genervt, zu ihr zu kommen, um einen freien Kopf zu bekommen.
»Komm schon, Ri. Zwei Wochen, vielleicht auch drei. Lass die Insel hinter dir. Du brauchst eine kleine Auszeit.«
Emma hatte es eine Auszeit genannt, doch für Rita war es eher eine Art Davonlaufen. Auch, wenn sie ihr das nicht auf die Nase binden würde.
Ihre jüngere Schwester war der Meinung, Ritas Scheidung und die Kündigung ihrer Stelle als Grundschullehrerin an der Tofino Elementary School waren der Grund dafür, dass sie momentan so neben sich stand. Deshalb bräuchte sie dringend frischen Wind in ihrem Leben – einen »Tapetenwechsel«, wie sie es genannt hatte.
Aber das stimmte nicht, und Rita hatte es nicht über sich gebracht, ihrer Schwester die Wahrheit für ihre trübe Stimmung zu offenbaren. Denn das hätte alles noch viel realer erscheinen lassen.
Der wahre Grund für ihre Niedergeschlagenheit und der Anlass, der letztendlich dazu geführt hatte, dass sie sich ein Fährticket nach Vancouver gekauft hatte, war das Ultraschallbild, dass ihr Ex-Ehemann Paul ihr gezeigt hatte. Darauf war ein Fötus zu sehen, nicht größer als eine Himbeere. Eine kleine Blase, die auf dem grau-weißen Foto im ersten Moment vollkommen unbedeutend wirkte.
An den Enden zerknittert, als hätte er es schon ein paarmal aus seiner Hosentasche gezogen. Die Erinnerung daran versetzte ihr einen Stich. Rita hatte das dünne Thermopapier angestarrt, als hätte Paul ihr gerade das Datum ihrer eigenen Beerdigung präsentiert. Vermutlich hätte sie nicht so schockiert sein dürfen, zumal es nicht einmal ihr eigenes war.
Aber genau das war der Punkt.
Es war nichtihr Ultraschallbild. Und der Mann, der vor ihr stand und dem der Stolz aus jeder Pore quillte, war zwar der Vater des Kindes, aber nicht mehr ihr Ehemann. Der Traum einer eigenen Familie zerplatzte endgültig in genau diesem Moment, und das war Rita schmerzhaft bewusst gewesen.
Paul hatte abends auf der Treppe vor Ritas Wohnung gesessen, als sie von der Arbeit nach Hause gekommen war. Mit einer Rotweinflasche in der Hand und seinem breiten Zahnlückenlächeln hatte er sie empfangen. Sie kannte ihn gut genug, um genau dieses Lächeln richtig einschätzen zu können. So hatte er auch auf ihrem Hochzeitsfoto ausgesehen. Aber Rita musste zugeben, dass sie dieses Lächeln im Laufe ihrer Ehe immer seltener zu sehen bekommen hatte.
Sie wusste nicht, was an seinem Zustand sie mehr kränkte. Dass er so unglaublich glücklich war oder dass dieses Glück absolut nichts mit ihr zu tun hatte.
Paul hatte sich auf das walnussbraune Ledersofa, das sie gemeinsam vor fünf Jahren gekauft und das er ihr nach der Scheidung überlassen hatte, gesetzt und Rita besagtes Ultraschallbild entgegengehalten.
Von seinen Worten wurde ihr immer noch übel.
»Ich werde Vater, Rita. Kannst du dir das vorstellen? Ausgerechnet ich?« Er hatte gelacht, und sie hatte kaum noch Luft bekommen.
Empathie hatte noch nie zu seinen Stärken gezählt.
Er strahlte über das ganze Gesicht und sah ihr in die Augen, aber er konnte den Schmerz darin einfach nicht erkennen. Sonst hätte er sich zurückgehalten. Wie jeder normale Mensch in dieser Situation.
Sie hatten so viele Male versucht, schwanger zu werden. Gemeinsam hatten sie die Tage gezählt, in denen eine Schwangerschaft möglich gewesen wäre, und zusammen hatten sie auf die zwei erlösenden Striche auf dem Schwangerschaftstest gewartet. Als sich auch nach zwei Jahren nichts ergeben hatte, war ihrer beider Welt zusammengebrochen. Sie hatten sich beraten lassen, sich durchchecken lassen, aber kein Arzt konnte einen Grund für das Ausbleiben der Schwangerschaft finden. Es sei Kopfsache, hatte man ihr gesagt. Sie müssten loslassen.
Das hatte Paul wörtlich genommen. Erhatte sie losgelassen. War aus der Wohnung ausgezogen und hatte irgendwann die Scheidung eingereicht. Und jetzt würde er Vater werden. Unzählige Male hatte sie sich dieses Szenario ausgemalt: wie er es stolz wie Oskar seinen Arbeitskollegen davon erzählen würde. Oder sich nachts aus dem Bett quälen, um ihrem Kind die abgepumpte Muttermilch zu geben, damit Rita ein paar Stunden Schlaf bekäme. Oder wie er seinem Kind das Fahrradfahren beibringen würde. Oder …
Ja, das Problem war, sie konnte es sich zu gut vorstellen.
Und genau diese Tatsache machte es noch viel schwieriger für sie. Denn sie beide hatten jahrelang dieselben Träume gehabt, aber jetzt wurde dieser Traum nur für ihn wahr.
Da war ihr Emmas Einladung wie ein Rettungsring erschienen.
Sie musste hier weg, genau! Weg von der Insel. Am liebsten wäre sie vor ihrem eigenen Leben davongelaufen. Denn auf keinen Fall würde sie so die nächsten Monate überstehen. Pauls neue Freundin wohnte nur wenige Straßen entfernt. Rita erinnerte sich nicht einmal an ihren Namen. Bethany? Brittany? Bertha? Vermutlich spielte das auch keine Rolle. Sie wusste nicht, wie Pauls Zukunftsplanung aussah, aber solange sie noch in der Nähe der beiden wohnte, wollte sie sich hier nicht aufhalten. Denn zwangsläufig würde sie ihr wohl über den Weg laufen. Ihr und ihrem immer größer werdenden Babybauch. So masochistisch war sie nicht, dass sie sich diesen Schmerz antat.
Doch dann hatte Emma angerufen.
In den nächsten drei Wochen musste sie sich klar darüber werden, wie ihr Leben weitergehen sollte.
Vielleicht würde sie Vancouver Island für immer verlassen und stattdessen an die Ostküste ziehen. Ihre alte Schulfreundin Uma aus Calgary lebte dort, und Rita hatte sie seit Jahren nicht gesehen. Oder sie könnte nach Europa gehen. Rita hatte schon immer eine Vorliebe für Sprachen gehabt, und ihre Kenntnisse des Französischen wie auch des Italienischen waren gut genug, um nach Paris oder Rom zu ziehen.
Egal, was sie auch vorhatte, sie musste sich langsam entscheiden.
Drei Wochen waren eine absehbare Zeit.
Sie hatte vorerst niemandem von ihrer Fahrt nach Golden Creek erzählt. Nachdem ihr Vertrag als Aushilfslehrerin gekündigt worden war, hatten sie derzeit keine neue Anstellung. Was ihr einerseits schlaflose Nächte bescherte, weil sie ständig über ihre finanzielle Situation nachdachte, hatte andererseits auch Vorteile, denn so musste sie niemanden bei ihrem Entschluss, die Insel zu verlassen, berücksichtigen.
Nur ihrer besten Freundin Jessy hatte sie davon erzählt, und im ersten Moment war Rita sich nicht sicher gewesen, ob dies wirklich eine gute Idee gewesen war.
»Du hast was vor?«, hatte Jessy gerufen und dabei geklungen, als hätte Rita ihr gerade den Plan für einen Banküberfall mitgeteilt.
Rita seufzte und lehnte sich gegen die Arbeitsplatte, während ihre Freundin am Küchentisch saß, sie stumm musterte und dabei mi ihren rot lackierten Fingernägeln ungeduldig auf die Tischplatte tippte.
»Ich muss hier weg, Jess. Ich weiß, es ist total irrational, was ich mache, aber ich habe das Gefühl, zu ersticken.« ...