: Tine Stupp
: Wenn Worte blühen Literatur de luxe. Band 6
: Frieling-Verlag Berlin
: 9783828037281
: 1
: CHF 7.90
:
: Lyrik
: German
: 196
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
In der Anthologie Wenn Worte blühen legen etablierte ebenso wie von der literarisch interessierten Öffentlichkeit noch zu entdeckende Autoren Zeugnis von ihrem schriftstellerischen Können ab. Sie stellen neue Texte vor, präsentieren aber auch Werke, die bislang in der Schreibtischschublade schlummerten. Dieser bunte Strauß literarischer Novitäten feiert die Sprachkunst in ihrer ganzen stilistischen Vielfalt, von der prägnanten lyrischen Beobachtung bis zur umfassenden Erzählung, von Werken, die den Idealen der"klassischen Schule" folgen, bis zu experimentellen Formen. Der Empfindungs- und Gedankenreichtum der Beiträge macht diese Frühjahrs-Edition zu einem Dokument der Fülle und Band­breite zeitgenössischer Literatur - und zu einem Fest für Leserinnen und Leser, deren Sinne für den Reiz und die Schönheit des meisterhaften Umgangs mit Worten sie ansprechen will. Erleben Sie also eine vielschichtige Palette literarischer Genüsse, die in wahrer Wortblütenpracht erstrahlt.
CHRISTIAN BARSCH

HEXE KRET


75. REKONSTRUKTION

Wie in dunkle Glockenwölbung

zart graviert mit feinem Stichel,

prangt an hoher Himmelskuppel

schönen Mondes schmale Sichel.

Bald dem Bett des Müden naht sich

Schlaf, trägt wunderweiche Schuhe,

streicht sacht über Stirn und Lider,

entnimmt Sand winziger Truhe.

Tief in bodenloses Jenseits

sinken Sorgen, Leiden, Kummer;

frisch lädt alle Batterien

nötig-segensreicher Schlummer.

Läßt recht mitleidvoll vergessen

Kreises Fratzen, die wüst narrten,

und am Folgemorgen wird dann

der Motor kräftiger starten.

Manchmal gar versüßt die Ruhe

Reigenkranz huschbunter Träume:

Unsrem Magus träumte, er sei

im vertrauten Kindheitsheime.

Säße mit dem kleinen Bruder

auf den Knien innig ge-

liebten weise-guten Vaters,

wäre Bärchen, Sim mit B.

Jagte, wohl behütet, nicht mehr

mit im Hast-Kampf-Krampfgetümmel,

schlösse alle Sorgen hinter

dunklen, modgeschmückten Himmel.

P(ost) S(omnium): Weil uns Erfahrung traf,

versichern wir dazu als Hexograph:

Was immer auch für Traumbilder wir malen,

stets triumphiert das Großreich des Realen.

76.

„Der, der Hexeverschen macht,

läßt ein Thema außer acht“,

übt voll Hohn Kritik

gieriger, jedoch ent-

täuschter Späherblick.

Wir verachten Prüderie,

mochten andererseits nie

Tändelei und Spiel

mit an sich so ernsten

Dingen. Nur soviel:

Fortlaufmann und Madam Vielheit –

welch bemerkenswertes Pärchen.

Er schenkt nichts, was ihr nützt,

sie weiß nichts, was ihn dämpft –

hält die Ehe noch viel Jährchen?

Sonst zwickt Fräulein Atropos mit

ihrem scharf geschliffnen Scherchen,

schnippschnapp, ein, womöglich

beide Lebensbändchen

durch – solch Ende wär kein Märchen.

77.

Es trifft sich mit Simsalabim auch

gewisse vornehme Gesellschaft

zu seltner Vorführung, die er nur

so inszeniert. Denn wunderquellhaft

bringt er Gewesenes herauf

in Farbe, plastisch, sehr phantastisch,

lautklar, mitunter leicht bombastisch.

Krieg steht bevor. Es kommen und versammeln

und lagern sich zu Sunem die Philister.

Und König Saul versammelt Israel

zu Gilboa. Im Herzen Furchtgeflüster

drängte ihn, den HErrn um Rat zu fragen; aber

der HErr antwortet ihm weder durch Träume,

noch durch Propheten, noch durch Licht. Saul fragt,

hoffend, daß er früher Zerschlagnes leime

(er hatte alle Wahrsager und Zeichen-

deuter Landes verwiesen), seine Knechte

nach einem Weib mit Wahrsaggeist; sie sagen,

ein Weib zu Endor sei dieszwecks die Rechte.

Verkleidet, nachts, mit noch zwei andern kommt er

zu ihr, bittet, jemanden zu beschwören.

Sie spricht, er kenne doch Königs Edikt,

wolle er ihre Seele ins Netz stören?

Saul aber schwört ihr bei dem HErrn, es solle

ihr dieses nicht zur Missetat geraten.

Und sie bringt Samuel herauf, einstigen

Richter, schreckerkennt Saul, den Renegaten.

Und der verneigt sich vor dem Alten, hörend,

er habe ihn unruhig gemacht; es werde

der HErr für Ungehorsam ihn hart strafen,

von seiner Hand reißen des Reiches Erde,

um David, seinem Nächsten, es zu geben,

ihn, Saul, und Israels gesamte Menge

in der Philister Hände fallen lassen.

Kraftlos schlägt nieder Saul in ganzer Länge.

Die gute Endorhexe schlachtet, arg ge-

troffenen Zunftfeind wieder zu ermannen,

ein Kalb, bäckt ungesäuertes Brot. Sie essen

und stehen auf und gehn die Nacht von dannen.

Israels Männer aber werden auf dem

Gebirge Gilboa von den Philistern

erschlagen samt den Söhnen Sauls. Und Saul

stürzt sich ins Schwert. Soviel. Genug des Düstern.

(1. Sam. 28,4-25)

Über den Köpfen Fragezeichen,

erhebt sich blinzelnd, augenreibend

die vornehme Gesellschaft. Sonne,

Kringel auf weiße Spukwand schreibend,

beguckt stumme Befangenheit –

daß Schwärze man des Sinns ausmerze,

macht eifrig man einige Scherze.

78. HEXENOSTERN

Vorbei an in gepflegten Gärtchen

orange blühnder Brunnenkresse

lenkt Kret die Schritte wie schon öfter

zum Vorstadtpark mit viel Interesse.

Den schönen Laubbäumen, Gebüschen

– Abglanz von echtem Waldgetriebe,

künstlich gruppiert, gepflegt – galt schon vor

sehr langen Zeiten ihre Liebe.

Sie schnüffelt: humus-, laubverborgen

wohl fünf-, zehn-, fünfzehn-, ja gar dreißig-,

gar fünfzig- (waren doch versteckend

Kolleginnen wieder recht fleißig)

mitPhallus impudicus L. ex Pers.

Es riecht nicht gut,

Riecher braucht Mut.

Aus kleinen weißen Eiern – mögen

sie Hexen- oder Teufels- heißen –

regt es sich wunderlich, unglaublich

schnell, wenn die Eihäutchen aufreißen:

Ein Stiel wächst (bis zu zwanzig Zenti-

metern) hoch, trägt als Dach ein Käppchen,

wabenartig gekammert, haltend

den grünen Sporenschleim. In Häppchen

wird er von mancherlei Insekten

verspeist; dankbar treiben die Sporen-

verbreitung (leeres Hütchen hat den

falschen Namen „Morchel“ geboren)

vonPhallus impudicus L. ex Pers.

Stiel straff noch steht,

wird schlaff, vergeht.

So macht euch baldigst auf, ihr Kenner,

Verehrer von Delikatessen:

Wer Rettich mag und ihn entbehrt, darf

die kleinen weißen Wunder essen.

Und Kret, mildschönes Panorama

genießend, muß noch manchmal schnüffeln –

das schreibt sich wahrlich ins Geruchsbuch

mit sozusagen ehernen Griffeln.

„Nun will ich wieder stadtwärts wandern.

Seltnes Erlebnis bleibt, und so gern

hat niemand euren Duft, ihr Racker“,

sagt Kret, „lebt wohl, und frohe Ostern.“

MitPhallus impudicus L. ex Pers.

schufen die Hex

Spezialgewächs.

HEXE KRET


– Vier vorangegangenen Stücken folgen vier weitere –

79.

Magus Sim ist heut vergnügt,

und sein Frohsinn ist begründet:

Wo Fortunas Kugel mündet,

der ists, dem sie Sträuße bindet

(wenn er längst Gesuchtes findet,

wenn sich ihm sonst Sprödes fügt).

Also Sim ist heut vergnügt,

denn er hat vor kurzen Stunden

mühelos ein (es folgt unten)

Magisches Quadrat gefunden

(Zauberformel für die Kunden),

wieder hat der Geist gesiegt.

Schöpferstolz läßt keine Ruh

(Herz, verbärgst du doch Ekstase),

er zeigts Kret, der lieben Base:

„Guck, was sagst nun du dazu?“

Kret schaut ziemlich flüchtig hin,

meint: „Solch Knobel-Spielerei

ließ mich immer kühl – verzeih.

Bist ja wie die Dobbertin.“

Aber Vetter Sim beteuert:

„Manche langen Theorien

sind nicht wichtiger; doch sie ziehn

an, weil man sie klug verschleiert.“

Und er streichelt desolat

sein so magisches Quadrat.

80.

Vielleicht ist das schier endlose Viel-Leben

kurz wie das Leben einer Eintagsfliege,

mißt man per Zollstock Relativität. (Von

Alpha bis Omega ein Schwung der Wiege?)

Daß Kreissein Zeit ist, scheint ein fabelhafter

Gedanke (niemals Stillstand, ewig Fließen);

die Relativität vielknapper Dauer

kann den Viel-Wandel nun noch mehr ver…süßen.

(Auch Zauberer Simsalabim

ruft: „Ach, das ist zu schlimm, zu schlimm!“)

Vielleicht hebt myriadenmeilenhoher

Gigant seit tausend Jahren schon die Faust,

die riesige. Ihm sinds Sekunden; Vielen

dauerts noch lange, bis sie niedersaust.

Und dieser Riesen-Riesenfaustschlag macht

Millionen Lichtstraßen zur Trümmernacht,

wenn Hohlkugel auf einmal er zerkracht –

hast du dergleichen, Viel, niemals gedacht?

Vielleicht ist Viel-Sein nur eine Verwicklung

der schlechthin existierenden Materie;

Viel sieht Zerstückelung gern als Fortentwicklung,

was aber lehrt das Jetzt? Was das Bisherige?

(So grausam darf Kreis-Sein nicht sein –

spielt nicht ein Plan doch mit hinein?)

81.

Stets hängt Trefferansage beim Lotto

„Für die Richtigkeit aller Angaben

übernehmen wir keine Gewähr“

schwänzchenhaft dran. Wär dies nicht als Motto

gut für vieles, das in Fragewaben

einfliegt (oft statt Wahrheit...