6. Juni 2013. An jenem Junimorgen titelte derGuardian: NSA collecting phone records of millions of Verizon customers daily.1 Edward Snowden hatte zuvor der Zeitung Dokumente übergeben, die eine Massenüberwachung der Welt durch Geheimdienste belegen. Der Öffentlichkeit wurde plötzlich gewahr, dass sie einem Verhör ohne Ende inmitten ihrer Privaträume ausgesetzt war. Auf die Frage, warum er das mit der Publikation der Dokumente verbundene Risiko eines Freiheitsverlusts oder Exils auf sich nehme, sagt Snowden: Thepublic needs to decide whether these programmes and policies are right or wrong [ ]. I don t want to live in [ ] a world where everything I do and say is recorded.2 Snowden stellt dem Öffentlichen nicht das Private entgegen, sondern das potentiell unrechtmäßige Staatsgeheimnis: ein umfassendes Überwachungssystem, in dem verdachtsunabhängig alle Bürger:innen abgehört werden. So wird Snowden zum Verräter und die Bürger:innen zu Mitwissenden um ihre Überwachtheit, aber auch um ihre eigene Beteiligung daran. Die Enthüllungen markieren den Anfang der öffentlichen Wirklichkeitserzählung3 über Überwachung: Das Emplotment der Wirklichkeit um eine gegenwärtige (staatlich-)systematische Massenüberwachung beginnt hier.
Dieses Ereignis aktiviert zunächst Erinnerungen des kollektiven Gedächtnisses an Überwachungsstaaten. Doch der Öffentlichkeit wurden nicht nur die Aktivitäten der NSA und ihrer Partner bekannt, sondern ebenso die Nutzergeneriertheit der Daten, deren Quellen auch Produkte von Technologiekonzernen sind, die jede:r mit Verhaltensdaten versorgt. Kulturelle Vorstellungen, die zur Verfügung stehende Narrative und die zutage tretenden Überwachungspraxen divergieren. Wenn Überwachung nahezu alle Alltagspraktiken durchdringt, deutet das auf gelebte Kulturen der Überwachung .4 Surveillance is not merely something exercised on us as workers, citizens or travellers, it is a set of processes in which we are all involved, both as watched and as watchers.5 Heute trägt jede:r wissentlich und willentlich einen Teil zur Überwachungskultur bei und überwacht selbst weil Alternativen fehlen, Vorteile genossen oder Techniken und Technologien Grundbedürfnisse erfüllen: Kommunikation, Neugier, Lust und Sicherheit. Diese Studie interessiert sich für Darstellungsformen dieser gegenwärtigen Überwachung, die seit dem NSA-Skandals besonders diskutiert werden: Nachgespürt wird narrativen Verarbeitungen von Big-Data-Überwachung und kulturellen Formen der Selbstüberwachung.6 In der Folge verlangen die Entwicklungen der letzten Jahre, dass Überwachungserzählungen komplexer werden faktuale wie fiktionale.
Das gilt zumal, da im Überwachungsdiskurs fiktionale und faktuale Rede kollidieren: Einerseits dienen Erzählungen und Narrative dazu, gegenwärtige Überwachungssituationen und ihre kulturellen Implikationen wahrzunehmen und zu verarbeiten, indem erörtert wird, welche ethischen, sozialen oder kulturellen Fragen Überwachungspraktiken aufwerfen. Traditionell übernimmt diese Rolle in der Gesellschaft auch die Literatur. Andererseits legitimieren sich Überwachungsmaßnahmen oder -praktiken nur, da sie auf manifesten Narrativen und Wirklichkeitserzählungen fußen, beispielsweise solchen, die eine (Un-)Sicherheit, eine Gefahr oder ein Risiko artikulieren und Überwachung als Lösung auf deren Konflikte erscheinen lassen. Ihre Anwesenheit ist Bedingung. Zu diesem Zweck muss Überwachung selbst erzählend präsent sein. Das bedarf einen weiten Begriff des Erzählens.7 Diesem Phänomen spürt die Arbeit nach und fragt, welche Rolle Erzählungen, Narrative und Fiktionen spielen: Wie wird von Überwachung erzählt? Welche Perspektiven nehmen die Texte ein, welche bieten sie an? Dazu werden Texte der Gegenwartsliteratur befragt und ihre Darstellungen sowie die in ihnen bereitgestellten Vorstellungen mit denen aus faktualen, politischen und ökonomischen Erzählungen der (Selbst-)Überwachung konfrontiert.
Die Erzählgemeinschaft teilt bereits vor dem NSA-Skandal Narrationen, die womöglich in der Lage sind, Aspekte gegenwärtiger