Für ein tatsächliches Verständnis archetypischer Energie und die Fähigkeit, diese auch konstruktiv nutzen zu können, ist es unerlässlich, das Prinzip der Polarität in der Tiefe zu verstehen. Jung veranschaulichte dieses Konzept, indem er die Begriffe Anima und Animus erschuf. Sein Ziel war dabei vor allem, Menschen zu verdeutlichen, wie sie Eigenschaften ihrer selbst in den Schatten drängen und sich dadurch auch selbst limitieren. Durch gesellschaftliche Einflüsse wurde seine wahre Aussage jedoch so verzerrt, dass heute bei den allermeisten Menschen große Verwirrung zu dieser Thematik herrscht. So liest man zum Beispiel immer wieder, dass Frauen zu lange nicht weiblich sein durften, weil die westliche Gesellschaft übergroßen Wert auf männliche Attribute legte. Dies ist zwar vollkommen richtig, führt jedoch dazu, dass viele Frauen glauben, sie müssten nun auf Teufel komm raus ihre Weiblichkeit leben. Dadurch erreichen sie jedoch nichts anderes, als wieder ein Ungleichgewicht herbeizuführen, indem sie all ihre männlichen Attribute unterdrücken. Dies ist ganz klar nicht, was Jung mit seiner Theorie von Anima und Animus erreichen wollte, sondern im Grunde das genaue Gegenteil! Sicher ist es wichtig, dass Frauen den Mut finden, ihre Weiblichkeit zu leben, doch eine Frau ohne jegliche männlichen Attribute wird im Leben auf gigantische Probleme stoßen, ebenso wie ein Mann ohne weibliche Attribute.
Bevor wir uns aber damit auseinandersetzen, was männlich und weiblich eigentlich bedeutet und wie man mit dieser inneren Polarität am gesündesten umgeht, schauen wir uns zunächst einmal an, wie Jung dieses Thema betrachtete und was seine Motivation dafür war, dies überhaupt zu tun. Für ihn lag der Schwerpunkt dieser Thematik nämlich tatsächlich auf der damit verbundenen Schattenarbeit und viel weniger auf der Polarität an sich. Diese ist zwar naturgegeben vorhanden, verursacht jedoch nicht die Probleme, die bei der Verdrängung bestimmter polarer Eigenschaften entstehen. Vereinfacht gesagt: Nicht unsere Polarität macht uns Probleme, sondern unsere Betrachtungsweise derselben und unser Umgang damit. Es handelt sich deshalb weit mehr um ein gesellschaftliches als ein psychologisches Problem. Will man es auf der simpelsten Ebene ausdrücken, handelt es sich bei Polaritäten um nichts weiter als gegensätzliche Eigenschaften, also um Attribute, die entweder einer aktiven, also positiven, oder einer passiven, also negativen, Energie unterliegen. Erst die Bewertung dieser Attribute und die Konsequenzen dieser Bewertungen machen es überhaupt notwend