: Franziska Hidber, Christian Ruch
: MØRK Ein Krimi zwischen Nordkap, Sarganserland und Engadin
: Driftwood
: 9783907178195
: 1
: CHF 8.70
:
: Erzählende Literatur
: German
: 549
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Die Polarnacht senkt sich über die Nordkap-Insel Magerøya. Ein zahmer Belugawal taucht auf. Eine Regierungsrätin aus Sargans verschwindet spurlos. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt. Nach dem Erstlingserfolg VENNER kommt jetzt MØRK, der zweite Krimi zwischen Nordkap und Südostschweiz von Franziska Hidber und Christian Ruch.

SELINA

Honningsvåg, 14. November

Noch 23 Stunden. Mein Unbehagen wächst mit jeder Minute. Hätte ich bloss auf mein Bauchgefühl gehört. Oder wenigstens auf Astrid, meine Tante. Astrid hat die seltene Gabe, die Dinge glasklar zu sehen und zu benennen: «Das ist eine fertige Schnapsidee,min Kjære», beschied sie mir, vor Wochen schon. «Überleg dir das gut!», schob sie nach. Und: «Wenn du dich unbedingt unglücklich machen willst, bitte. Du bist alt genug.»

Das bin ich tatsächlich. 25. Und an Unglück hat es mir in diesem Sommer nicht gefehlt. Erst Pappas Tod. Um ein Haar wäre ich auch gestorben. Aber ich lebe. Dank Einar.

Einar ist heute mein Freund. Gut, das war er schon immer, seit dem Kindergarten. Nun aber sind wir richtig zusammen und leben beide wieder in Honningsvåg auf der Nordkap-Insel Magerøya. Auch das hält Astrid für einigermassen bescheuert. Sie ist wie wir in Honningsvåg aufgewachsen, zusammen mit meiner Mamma, die ich schon vor Jahren an den Brustkrebs verloren habe. In diesem Haus, wo es jetzt nach frischer Farbe riecht, sich Kisten und Kessel im Korridor stapeln, halb offene Kehrichtsäcke herumstehen und ich mit mir und meinem Einfall hadere. Natürlich war es eine Schnapsidee.

«Min Kjære, was wird mit deinem Studium? Wann gehst du zurück nach Tromsø? Dort gehört ein junger Mensch wie du hin, doch nicht in dieses Nest am nördlichsten Zipfel Europas!», empörte sich Astrid mit der Überheblichkeit derjenigen, die den Sprung von der Wildnis in unsere Hauptstadt geschafft haben. Die vorwärts gegangen sind, nicht zurück.

Arvo pirscht sich heran, ein lebender Vorwurf in Gestalt eines buschigen Fells. In seinem Miauen liegt die Drohung einer Todesstrafe. «Ist ja gut!» Ich stehe auf, gehe in die Küche, wo es noch intensiver nach Farbe riecht, nehme die Büchse mit dem Katzenfutter vom Gestell und fülle Arvos Napf. Der norwegische Waldkater straft mich mit Nichtbeachtung, in seinen Augen wohl die gerechte Sanktion dafür, dass die Fütterung sieben Minuten zu spät erfolgt ist.

Draussen dämmert es leicht, ein Zeichen, dass es Mittagszeit ist. Wenn ich Glück habe, wird es noch etwas heller. Vielleicht aber schwappt die Schummrigkeit in den Nachmittag hinein und dann ins Dunkel des Abends. Wer ausgerechnet in dieser Zeit ein Bed and Breakfast eröffnet, kann nicht ganz dicht sein.

Wann hatte das Ganze angefangen? Und vor allem: weshalb? Ich habe null Ahnung von Hotellerie, geschweige denn von Gastronomie. Ich kann nicht kochen. Dafür verstehe ich etwas von Meerestieren, sofern sie nicht auf dem Teller liegen. Mein Studium in Meeresbiologie