Zum wirklichen Leiden, zur Hölle wird das menschliche Leben nur da, wo zwei Zeiten, zwei Kulturen und Religionen einander überschneiden. [ ] Es gibt nun Zeiten, wo eine ganze Generation so zwischen zwei Zeiten, zwischen zwei Lebensstile hineingerät, daß ihr jede Selbstverständlichkeit, jede Sitte, jede Geborgenheit und Unschuld verlorengeht.1
Hermann Hesse
1 Der Mensch in Zeiten des Umbruchs
Umbrüche und Zeiten des Übergangs erfährt sowohl der Mensch im Laufe seines Lebens als auch die Menschheit im Laufe ihrer Geschichte immer wieder. Beides stellt Mensch und Menschheit vor Herausforderungen. Phasen des Umbruchs und des Übergangs werfen die Frage danach auf, woran der Mensch sich orientieren kann, welches die tragenden Werte sind, die die Erfahrung von Sicherheit und Sinn ermöglichen. Die Reflexion dieser Fragen ist Gegenstand der Philosophie und Theologie ebenso wie der Psychologie. Zwei Denker unterschiedlicher Fachdisziplinen, die sich mit den Fragen und Problemen der Menschen in Zeiten des Umbruchs und des Übergangs auseinandersetzen, sind der deutsch-amerikanische evangelische Theologe und Philosoph Paul Tillich und der amerikanische Psychotherapeut Rollo May. Beide reagieren mit ihren Reflexionen auf Erfahrungen, die sie in ihrem eigenen Leben und ihrer eigenen Zeit gemacht haben. Europa und Amerika sehen um 1900 einer Zukunft technischen Fortschritts und wirtschaftlicher Prosperität entgegen. Dieser Hoffnung werden die Menschen in Europa mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges im Jahre 1914 und in Amerika mit dem Börsenkrach von 1929 beraubt. Das neue Jahrhundert, dessen Beginn Tillich auf diese beiden Ereignisse datiert, fängt auf beiden Kontinenten mit einer Katastrophe an, die die Menschen mit einem Gefühl der Orientierungslosigkeit zurücklässt.2 Das beginnende 20. Jahrhundert präsentiert sich als radikaler Umbruch, dem weitere Katastrophen und Umbrüche folgen sollen. Diese Erfahrungen haben Einfluss auf das Selbstverständnis des Menschen: Im Gegensatz zum Selbstverständnis des Menschen des 19. Jahrhunderts, der nach Tillich sowohl an den technischen als auch an den menschlichen und moralischen Fortschritt glaubte, zeigt sich ihm zufolge im 20. Jahrhundert in Literatur, Kunst und Dichtung