: Jan Weiler
: Drachensaat Roman
: Heyne
: 9783641313579
: 1
: CHF 9.90
:
: Erzählende Literatur
: German
: 400
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Postbote. Busfahrer. Rentner. Sachbearbeiterin. Architekt.
Fünf Menschen, in deren Leben irgendwann mal was richtig schiefgegangen ist. Fünf ganz normale Verrückte und ihr ehrgeiziger Arzt. Dem die Behandlung langsam aus dem Ruder läuft. Bis die fünf eines Tages ausbrechen und sich an der Gesellschaft rächen ...

Jan Weiler, 1967 in Düsseldorf geboren, ist Journalist und Schriftsteller. Er war viele Jahre Chefredakteur des SZ Magazins. Sein erstes Buch 'Maria, ihm schmeckt's nicht!' gilt als eines der erfolgreichsten Debüts der letzten Jahrzehnte. Es folgten unter anderem 'Antonio im Wunderland', 'Mein Leben als Mensch', 'Das Pubertier', 'Älternzeit' und die Kriminalromane um den überforderten Kommissar Martin Kühn. Auch seine Romane 'Der Markisenmann' und 'Munk' standen monatelang auf der Bestsellerliste. Neben seinen Romanen verfasst Jan Weiler zudem Kolumnen, Drehbücher, Hörspiele und Hörbücher, die er auch selbst spricht. Er lebt in München und Umbrien.

1. Mein triumphaler Einzug ins Haus Unruh


Die meisten Menschen würden sagen, man hört es nicht. Sie glauben, es ginge einfach zu schnell. Man setzt die Mündung an seine Schläfe, drückt ab, und dann dauert es nicht einmal eine tausendstel Sekunde, bis das Projektil im Schädel ankommt. Der Schall dringt langsamer ins Ohr als die Kugel in den Kopf. Und danach ist ja sowieso Ruhe. Mag sein, dass das Trommelfell platzt, aber gleichzeitig fliegt das Hirn durchs Zimmer. Du wirst ganz sicher nicht mehr zum Ohrenarzt gehen. Jedenfalls sind die meisten Leute der Ansicht, man könne den Knall nicht hören. Das stimmt aber nicht. Ich habe ihn gehört.

Nun können Sie natürlich mit einigem Recht behaupten, dass ich, wenn ich den Schuss gehört habe und sogar noch davon erzählen kann, auch nicht tot bin. Das ist richtig. Zwar drang die Kugel in meinen Kopf ein, aber eben nicht so, wie sie hätte eindringen sollen. Sie flog haarscharf am Hirn vorbei. Eigentlich hat sie bloß das Stirnbein gestreift und den Knochen zertrümmert. Bleibende Schäden sind nicht entstanden, wenn man einmal davon absieht, dass ich wegen eines von dem Schuss verursachten Knalltraumas auf dem rechten Ohr nichts mehr höre außer einem Tinnitus. In meinem Kopf rauscht es, ich bin so eine Art Mensch gewordener Niagarafall. Die Ärzte waren der Meinung, dass mein Gemüt gelitten habe, doch die kannten mich vorher nicht, die können das nicht beurteilen. Aber sagen Sie so etwas mal einem Arzt. Er wird gleich beleidigt sein, und Ihre Beurteilung fällt schlechter aus. Solange man bloß in der Sprechstunde eines Urologen sitzt, ist das nicht so schlimm, aber wenn Sie darum kämpfen, aus einer Landesklinik entlassen zu werden, würde ich Ihnen empfehlen, nicht zu widersprechen, wenn Ihr Therapeut Vermutungen über Sie anstellt.

Ich hätte mir die Geschichte, die nach dem Knall passiert ist, erspart, wäre ich beim Abdrücken aufmerksamer gewesen. Im Grunde genommen hätte ich mir schon diesen blamablen Kopfschuss ersparen können, wenn ich vorher mein Leben nicht versaut hätte. Dann wäre es gar nicht zu dieser peinlichen Vorstellung gekommen, und ich würde vielleicht wie Sie gemütlich auf der Couch sitzen und ein Buch lesen.

Nichts hat auf eine derart vermurkste Biographie hingedeutet, als ich zwanzig Jahre alt war. Ich stand damals, vor über dreißig Jahren, noch ziemlich am Anfang eines soliden Lebenslaufes. Stellen Sie sich einen unauffälligen Zwanzigjährigen vor, der gerade seinen Wehrdienst beendet hat. Ich trug Ende der siebziger Jahre die Haare nicht mehr lang und auch keine Parkas oder Latzhosen, sondern eine pflegeleichte Kurzhaarfrisur, Cordhosen und in der Regel ein gebügeltes Hemd. Das betone ich bloß deswegen, weil ich nicht will, dass Sie mich für einen Ausgeflippten oder so etwas halten. Das kam alles erst viel später.

1979 war das Bemerkenswerteste an mir ein Schnurrbartversuch, den ich mangels Fülle nach drei Monaten abbrach, sowie die Tatsache, dass ich noch Jungfrau war. Mir machte das nichts aus, ich war auch nicht schüchtern oder hässlich. Es hatte sich bloß bis dahin nichts ergeben. Ich dachte damals nicht darüber nach und erwähne es jetzt auch nur, weil Doktor Z