: Jan Weiler
: Kühn hat zu tun Roman
: Heyne
: 9783641312077
: 1
: CHF 9.90
:
: Erzählende Literatur
: German
: 320
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Ehemann, Vater, Freund, Polizist, Nachbar - und umfassend überfordert
Martin Kühn ist 44, verheiratet und hat zwei Kinder. Er wohnt auf der Weberhöhe, einer Neubausiedlung nahe München. Früher stand dort eine Munitionsfabrik, aber was es damit auf sich hatte, weiß Kühn nicht so genau. Es gibt ohnehin viel, was er nicht weiß: Zum Beispiel, warum von seinem Gehalt als Polizist ein verschwindend geringer Betrag zum Leben bleibt. Ob er sich ohne Scham ein Rendezvous mit seiner rothaarigen Nachbarin vorstellen darf. Warum er jeden Mörder zum Sprechen bewegen kann, aber sein Sohn nicht mal zwei Sätze mit ihm wechselt. Welches Geheimnis er vor sich selber verbirgt. Und vor allem, warum sein Kopf immer so voll ist.

Da wird ein alter Mann erstochen aufgefunden, gleich hinter Kühns Garten in der Böschung. Und plötzlich hat Kühn sehr viel zu tun.

Jan Weiler, 1967 in Düsseldorf geboren, ist Journalist und Schriftsteller. Er war viele Jahre Chefredakteur des SZ Magazins. Sein erstes Buch 'Maria, ihm schmeckt's nicht!' gilt als eines der erfolgreichsten Debüts der letzten Jahrzehnte. Es folgten unter anderem 'Antonio im Wunderland', 'Mein Leben als Mensch', 'Das Pubertier', 'Älternzeit' und die Kriminalromane um den überforderten Kommissar Martin Kühn. Auch seine Romane 'Der Markisenmann' und 'Munk' standen monatelang auf der Bestsellerliste. Neben seinen Romanen verfasst Jan Weiler zudem Kolumnen, Drehbücher, Hörspiele und Hörbücher, die er auch selbst spricht. Er lebt in München und Umbrien.

1. KOCHOLSKY


Der Tod machte Kühn nichts aus. Es berührte ihn nicht, in einer Wohnung zu stehen, in der eine Leiche lag. Er gehörte nicht zu den Menschen, die an die Seele glaubten oder gar daran, dass so eine Seele wandern konnte – dass nach dem Tod eines Menschen sein metaphysischer Rest in der Luft lag. Er verstand durchaus, dass sich die jungen Kollegen an Tatorten gruselten, erst recht, wenn es sich dabei um Wohnungen handelte, in denen noch das Radio lief oder ein Kanarienvogel sang. Kühn sagte ihnen dann, dass die Zimmer vermutlich schon bald von Erben geräumt, anschließend renoviert und wieder vermietet würden. Eine Altbauwohnung in München wurde in einhundert Jahren gut und gerne acht- oder neunmal vermietet, und die Chance, in eine Wohnung zu ziehen, in der schon mal eine Leiche gelegen hatte, war relativ groß. So einfach war das für ihn.

Vielleicht besaß er ein solch pragmatisches Verhältnis zum Tod, weil er damit bereits als Fünfzehnjähriger konfrontiert worden war, als sein Vater, zwei Wochen vor seinem einundsechzigsten Geburtstag, beim Spargelstechen starb. Heinz Kühn war ein relativ alter Vater und Martin sein einziges Kind. Ungefähr zu der Zeit, als Martin auf die Welt kam, hatte Heinz Kühn den Kleingarten seiner Eltern geerbt und fühlte sich seitdem verantwortlich für die Pflanzen, obwohl er nicht einmal ihre Namen kannte, weil er sich überhaupt nichts aus Gartenarbeit machte. Die Parzelle einfach zu verkaufen oder zu verpachten kam ihm jedoch aus Familienräson nicht in den Sinn. Also plagte er sich jedes Wochenende auf der kleinen Scholle und wuchs über die Jahre in die Aufgabe hinein, Saison für Saison zentnerweise Gemüse und Obst aus dem kleinen Grundstück zu ziehen. Martin musste mit und subalterne Aufgaben übernehmen, wie zum Beispiel den aussichtslosen Kleinkrieg gegen den vom Vater leidenschaftlich gehassten Schachtelhalm. Diesen immer und immer wieder auszureißen machte ihm keinen Spaß und Heinz Kühn auch nicht. Nur Martins Mutter Hildegard hatte viel Freude am Garten, zumal sie sich darauf beschränkte, dort Kuchen zu s