»Wir haben keine Anfänge mehr.«1 Mit diesem klipp und klaren Satz eröffnet George Steiner sein kurz nach der Jahrtausendwende erschienenes Buch »Grammatik der Schöpfung«, und er nimmt »im geistigen Klima am Ende des 20. Jahrhunderts eine Müdigkeit im Kern« wahr: »Wir sind Spätlinge oder fühlen uns als solche. Das Geschirr wird abgeräumt. ›Feierabend, die Herrschaften‹.«2 Diese wenigen Sätze lesen sich wie ein Abgesang auf die Tatkraft, die Fantasie, die geistige Regsamkeit und die Abenteuerlust, derer es bedürfte, um einen Aufbruch, einenAnfang zu wagen. So als hätten wir Raubbau nicht nur an der Natur betrieben, die vor unseren Augen kollabiert und unter unseren Händen wegstirbt, sondern auch an den Kräften unserer Selbsterneuerung und hätten nun der Übermüdung und dem Niedergang nichts mehr entgegenzusetzen. Der französische Philosoph Rémy Brague vermutet, dass dieser Zustand der Antriebsschwäche, ja, Lähmung die Folge eines »Parasitismus der Moderne« ist. »So frage ich mich«, schreibt er, »als reine Hypothese, oder als ein Alptraum, von dem ich gerne loskommen würde: Wie, wenn das, was wir Moderne nennen, nichts anderes wäre als die Verschwendung einer geistigen Kraft, die in früheren Epochen gespeichert worden ist? Etwa so wie wir auf dem Gebiet der materiellen Zivilisation seit ungefähr zwei Jahrhunderten die fossile Energie systematisch verbrauchen. … Ist … (die Moderne) imstande, ihre eigenen Daseinsbedingungen wiederherzustellen? Kann man nicht sagen, daß diese Kultur nie aufhört, ihre Grundlagen zu zerstören? Ist es nicht der Fall, dass sie sich irgendwo anders die Werte ausleihen muß, die ihr erlauben weiterzubestehen? So wäre die Moderne ein Fall von Parasitismus.«3 Die parasitäre Lebensweise ist eine Zeit lang sehr komfortabel, aber auf lange Sicht ruinös. Der Parasit lebt dreist auf Kosten seines Wirtes, ohne die Rechnung zu bezahlen. Solange der ihn unter Zwang gewähren lässt, saugt er ihn aus. Sein Wohlleben lässt ihn seine Angewiesenheit vergessen. Und wenn der Wirt schließlich unter der ihm zugemuteten Last zusammenbricht, findet sich der Parasit auf einer Leiche hockend vor und ist selbst, aller eigenen Daseinsmächtigkeit beraubt oder entwöhnt, dem Untergang geweiht.
Das ›Wir‹, dem George Steiner die zunehmende geistige Ermattung nachsagt, bleibt unbestimmt. Von wem spricht er, wenn er sich in dieses ›Wir‹ einschließt? So viel ist gesagt: Es sind die Menschen, die sich in der Endphase des zwanzigsten Jahrhunderts und im Übergang ins dritte Jahrtausend – nachunserer weltweit durchgesetzten Zeitrechnung – vorfinden. Rémy Brague ist deutlicher. Er spricht von der ›Moderne‹, die das kulturelle Erbe des ›alten Europa‹ verjuxt, ein Erbe, das sich aus der antiken, der jüdisch-christlichen und der arabischen Tradition speiste. Die Moderne ist also eine Ausgeburtdieser begrenzten westlich-abendländischen Tradition. Es war aber ihr Ehrgeiz, sich den ganzen Erdenkreis anzuverwandeln: »Wie im Westen, so auf Erden.«4 Das ›Wir‹ des modernen Westens war ein kolonisierendes ›Wir‹, das alle anderen real existierenden ›Wire‹ für modernisierungsbedürftig erklärte und für ausbeutbar. In diesem Bestreben, sich zu globalisieren, sich weltweit Geltung zu verschaffen, hat die westliche Moderne es weit gebracht. Bis zu dem Punkt, an dem die anderen ›Wire‹, aus deren Kraft sie schöpfte, selbst erschöpft waren, ihre Eigen-Art nicht behaupten konnten und bedürftig wurden. Sie kamen uns Westlern als Gegenüber, durch das wir inspiriert, herausgefordert, verunsichert und begrenzt – vor allem das – werden konnten, abhanden. Ivan Illich führt uns eine imaginierte Tischrunde vor von lauter ernstlich mit der Sinnsuche beschäftigten modernen westlichen Menschen und beschreibt diese als emotionale Klienten der einen oder anderen jener Importfirmen, die allerlei Religionen aus fremden Orten und anderen Zeiten im Angebot haben. »Ich hätte also über einen Tisch hinweg zu sprechen«, sagt er, »der voll ist von Nirvana, Zen, Sufi, Johannes vom Kreuz und Don Juan the Yaki«. Lauter erhaschte Versatzstücke fremder Kulturen, die im spirituellen Warenkatalog von Dienstleistern verhökert werden und die die eigene Leere kompensieren sollen. Illich fühlt sich dabei erinnert an vom Aussterben bedrohte Insekten, die noch rasch in Kunstharz eingeschweißt werden, bevor sie ganz verschwinden.5 Und das Absurde dabei ist, dass wir uns Rettung von dem erhoffen, was wir ausgelöscht haben, und es ein zweites Mal auslöschen, indem wir es uns als Devotionalie aneignen, statt es zu betrauern.
Des Pudels Kern
Was aber ist des Pudels Kern dieser Moderne, die solche selbstzerstörerische Dynamik freisetzt? Ivan Illich hat das, was sie absichtsvoll hervorbringt, das »technogene Milieu« genannt. Das technogene Milieu entsteht aus dem Bestreben, eine Zweite Natur herzustellen, die der vorgefundenen Ersten Natur in jeder Hinsicht überlegen sein soll und in der es schließlich nichts mehr gibt, was nicht vom Menschen veranlasst ist, nicht einmal das Wetter und nicht einmal Geburt und Tod.Vom Menschen? Nichtvon Menschen?
Ja tatsächlich.Der Mensch als ideelles Gesamtsubjekt ist der Täter. Solange wir vonMenschen reden, haben wir es mit Einzelwesen in ihrer unendlichen Verschiedenheit zu tun.
Ein vielfältiges Gewusel, das nicht dazu taugt, ein allgültiges und alles umfassendes Milieu zu installieren. Dazu bedarf esdes Menschen, der nur als Konstrukt, als Prototyp, nicht aber im wirklichen Leben existiert und mit einer Autorität ausgestattet ist, der sichdie Menschen dann ›freiwillig‹ unterwerfen.
Diese Zweite Natur ist eine Kampfansage an jedwede Überraschung, an alles Unvorhersehbare, Schicksalhafte, an jede Unwägbarkeit, die durch Planung, Kontrolle und Know-how, wenn nicht ausgeschlossen werden können, so doch fortlaufend minimiert werden sollen. Das ist ein Projekt, das seiner Unerfüllbar