Die Entdeckung des Gestern
Historisch betrachtet ist Wissenschaft im Wesentlichen die Einsicht, dass nichts unveränderlich ist. Fixsterne sind nicht fix, die Erde steht nicht starr im Zentrum des Kosmos, die Kontinente waren nicht immer an der Stelle, wo sie heute sind, das Universum hat nicht schon immer existiert, sondern hatte einen Anfang, und so weiter und so fort. Im Nachhinein ist es leicht, anderslautende Vorstellungen für dumm, naiv oder ignorant zu halten. Dabei haben wir es hier mit einem Musterbeispiel für Ockhams Rasiermesser1 zu tun, demzufolge Hypothesen so knapp wie möglich aufzustellen seien: Solange es keine Anzeichen für eine Veränderlichkeit der Welt gab, war die einfachste Hypothese die, dass alles schon immer so war wie damals und auch immer so bleiben würde.
Und genauso hat man lange Zeit auch über das Leben auf der Erde gedacht.
Seltsam eigentlich, wo doch jedes Kind weiß, dass es früher Lebewesen gab, die es heute nicht mehr gibt, das irdische Leben mithin eine Vergangenheit besitzt, die sich von der Gegenwart unterscheidet. Und doch war diese Tatsache bis vor wenigen Jahrhunderten keineswegs für alle offenbar. Dabei waren den Menschen Fossilien seit Urzeiten bekannt. Aus antiken Schriftwerken kennen wir zahlreiche Berichte über gigantische Knochen oder Steine, die Abdrücke von Palmen oder Muscheln trugen. Aber Fossilien sind Zeichen, und Zeichen lassen sich auf alle möglichen Weisen lesen. Das Offensichtliche an sich gibt es nicht.
Bis vor wenigen Jahrhunderten wurden Fossilien von bedeutenden Gelehrten wie Athanasius Kircher oder Georgius Agricola noch alsLusus Naturae abgetan, als Launen der Natur, die in den Felsen heranwachsen und deren erstaunlich organische Form nicht mehr überraschen sollte als die geheimnisvolle Geometrie der Kristalle.2 Um zu erklären, wie die Muscheln ins Hochgebirge gekommen waren, schlussfolgerte man, die Natur habe sich aus unerfindlichem Grunde den Spaß gemacht, unter Einwirkung einer nicht näher bestimmten Schöpferkraft (vis plastica) Gesteine zu erschaffen, die das Lebendige imitierten.3 Andere hielten sie für die Überreste von Lebewesen, die infolge katastrophaler Schwankungen des Meeresspiegels – ein Beispiel wäre die biblische Sintflut – massakriert worden, dabei aber stets die gleichen wie die heutigen gewesen seien. Als ihre Andersartigkeit nicht mehr zu leugnen war, wurden sie flugs zu mythologischen Kreaturen umgedeutet, die zwar »ausgestorben«, von der Substanz her aber nicht anders, nur größer und entstellt oder auch Kombinationen aus mehreren noch lebenden Tieren seien.
Pausanias berichtet in seiner »Beschreibung Griechenlands« von der Entdeckung eines riesigen Schulterblatts und anderer Knochen, über deren Beschaffenheit wir keine Kenntnis haben, deren Beschreibung aber auf die Überreste eines prähistorischen Dickhäuters passen könnte. Auf die Idee, dass sie zu einer verschwundenen Tierart gehören könnten, kamen Pausanias und andere Griechen nie. Sie deuteten die Knochen als Überreste des Riesen Pelops, des Großvaters von Herakles, und bewahrten sie als heilige Reliquien im Tempel der Artemis in Olympia auf.4 Dem griechischen Historiker Phlegon von Tralleis zufolge waren die Riesenknochen