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Der versteckte Pfad
Tobias
Ich war seit Stunden unterwegs. Das Brennen in den Waden war einem latenten Ziehen gewichen, das mich auf jedem Schritt begleitete wie die frische klare Luft, die ich tief einsog. Der Weg war abwechslungsreich und gespickt mit malerischen Ausblicken, aber das Highlight war bisher ausgeblieben, weshalb ich noch unschlüssig war, ob die Tour meine Follower begeistern und zum Nachahmen animieren würde. Hatten früher kürzere Rundwanderwege, die an einer Weide mit Alpakas vorbeiführten, Begeisterungsstürme ausgelöst, lechzte das Volk nun nach mehr. Echte Geheimtipps (nicht solche, die es in jedem zweiten Reiseführer zu lesen gab), unvergleichliche Panoramen, Gasthöfe, die zum Einkehren und für immer Verweilen einluden. Orte für Träumereien. Abgesehen davon, dass ich mir stets Touren ausdenken musste, liebte ich es, neue Pfade und Wege zu entdecken. Was gab es Schöneres, als in der Natur unterwegs zu sein, darüber zu bloggen und so sein Geld zu verdienen?
Doch jetzt, während ich mich eine unangenehm steile Anhöhe von schätzungsweise fünfundzwanzig Prozent hoch schleppte, die den Alpen in nichts nachstand, sorgte ich mich, ob die Tour zu anspruchsvoll oder zu wenig spektakulär war. Als die Steigung abflachte, hielt ich keuchend an. Den ganzen Tag über hatte ich keine Probleme gehabt. Bis jetzt. Ich hockte mich hin, um meinen rechten Schuh lockerer zu schnüren und meinem Unmut freien Lauf zu lassen; gut, dass mich hier, mitten im Nirgendwo, niemand hörte und als Weichei abstempeln konnte.
Ich nutzte die Atempause, um Karte, App und GPS zu prüfen. Angeblich hätte mich hier der Blick auf eine alte Burg erwartet, wie es sie zu Dutzenden im Rheinland gab. Aber Sträucher und Hecken versperrten mit ihrem prächtigen Wuchs die Sicht aufs Tal und die gegenüberliegende Anhöhe. Shit, wieder einmal war vor Ort alles anders, als es zunächst auf der Karte gewirkt hatte. Fluch und Segen, hielt die Natur immer Überraschungen bereit.
In circa drei Kilometern gab es die nächste Chance auf eine atemberaubende Sicht. Bloß die Hoffnung nicht aufgeben. Spontan pflückte ich einige Brombeeren, die sich mir reif anboten. Süß und saftig – köstlich! Ich naschte, während ich die Stimmung dieses Weges mit einem Foto einfing. Auch für diese Route würde es Fans geben. Ganz bestimmt!
Mit neuer Energie setzte ich meinen Weg fort, stockte aber nach einigen Biegungen erneut. Dieses Mal versperrten ebenfalls wilde Brombeersträucher den Weg, nur im Gegensatz zu jenen, von denen ich Früchte stibitzt hatte, waren diese fruchtlos. Wie merkwürdig. Einem Impuls folgend trat ich an den Strauch und musterte ihn. Er sah kerngesund aus. Keine Anzeichen von Schädlingen. Warum blühte er nicht? Warum trug