Verführt
Es vermag zu Beginn der Geschichte verwundern, dass die Sichtweise des Schreibenden bei dieser Erzählung in die Handlung verwoben wurde. Dieser lässt aber genügend Freiraum für den Leser. Sein Urteil vergleichend, wenn man will. Gleichwohl mag es Unstimmigkeiten hervorrufen. Jedoch rate ich zur Vorsicht vor all zu schnellem moralischen Fingerzeig. Verführt zu werden, heißt nicht, unmittelbar gut oder böse zu sein.
Anmutig! Ihr Gesicht, gleichmäßig wie Ebenholz, das dunkle lange Haar, das sie zeitweise offen trug – naturgelockt oder streng nach hinten gekämmt. Aufregend, unnahbar, verführerisch. Nichts ahnend von all den hunderten Augenpaaren, die sie schon beim flüchtigen Vorbeigehen auszogen. Carmen musste sich solchen Wahrnehmungen erst gar nicht stellen, zu perfekt war ihr Dasein – und das sollte für eine geraume Weile so bleiben. Nur ein kurzer Moment der Achtlosigkeit konnte all das ins Wanken bringen. Unachtsamkeit, gegenüber ihren Gefühlen? Die Harmonie auf den Kopf gestellt? Erkennt man an dieser Passage als sorgsamer Beobachter die Lust, das Leben zu fühlen, mit all seinem süßen und bitteren Geschmack? Es ist keine Forderung der Zeit, vielmehr eine Seelenverwandtschaft, die ihr zu Füßen liegt!
Tausend Fragen und ebenso viele Antworten. Verschwommener Wirklichkeitssinn eines Hofnarren, dem es als Einzigem gestattet war, ihr Antlitz – das des Burgfräuleins – zu berühren. Geborgenheit verspüren –