: Anika Mehner
: Heute ist das Morgen von Gestern
: Books on Demand
: 9783756852895
: 1
: CHF 4.40
:
: Erstlesealter, Vorschulalter
: German
: 332
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Ein unterirdischer Gang führt Malina in die Gärten von Korknidien. Doch die Idylle eines immerwährenden Sommers mit reicher Ernte trügt. Kinder werden gefangen gehalten und verschwinden plötzlich. Um sie zu retten, muss Malina in die Berge des Steinernen Drachen ziehen. Das perfekte Abenteuer - wenn da nur nicht ihre Mutter wäre ...

Anika Mehner, geboren 1989, studiert Lehramt an Grundschulen und lebt mit ihren beiden Töchtern in Leipzig. Bei BoD hat sie bisher folgende Werke veröffentlicht:"Geschich en vom Pilgern. Ein Rucksack erzählt" und"Laufen musst du sowieso".

Ein seltsamer Besuch


Am nächsten Abend ernteten Malina und ihre Mutter elf Erdbeeren. Sie waren klein, aber saftig und süß. Zwei aßen sie gleich, den Rest hoben sie als Nachtisch für das Abendessen auf. Sie hatten gerade das Geschirr gespült und sich zum gemütlichen Erdbeernaschen auf das Sofa gesetzt, als es an der Tür klopfte.

Verwundert stand Esther auf. „Wer kommt denn um diese Zeit noch zu uns?“

„Vielleicht jemand aus dem Dorf“, überlegte Malina.

„Abends um acht? Das glaube ich nicht.“

Es klopfte noch einmal. Diesmal schneller und lauter.

„Besonders geduldig ist unser rätselhafter Besuch jedenfalls nicht.“ Esther öffnete die Tür und erstarrte. Nicht einmal ein „Guten Abend“ brachte sie heraus.

Neugierig trat Malina hinzu. Auch sie sagte kein Wort, als sie die sonderbare Gestalt erblickte, die vor der Tür stand. Sie sah ein wenig so aus wie der garstige Zwerg bei Schneeweißchen und Rosenrot. Oder wie Rumpelstilzchen. Na ja, vielleicht ein bisschen freundlicher. Ein normaler Mann war es jedenfalls nicht. Er war nur ein wenig größer als Malina, hatte graues Haar, einen langen Bart, der bis über die Brust reichte, eine braune Hose aus festem Stoff und eine dunkelblaue Jacke. Seine Füße steckten in schwarzen Lederstiefeln und auf dem Kopf trug er einen graugrünen Hut mit breiter Krempe. In seiner rechten Hand baumelte ein Metallkrug mit Deckel.

„Einen schönen guten Abend“, sagte das kleine Männchen mit einer überraschend kräftigen Stimme. „Sie gestatten, Pimpinellus Brazelborm. Ich habe gehört, hier sucht jemand ein Abenteuer?“

„Äh …“, vermochte Esther sich endlich ein wenig zu rühren. „Gu...ten A...bend“, antwortete sie langsam, „Herr …?“

„Brazelborm. Pimpinellus Brazelborm. Erster Vorstandsvorsitzender des GVAJuMuEFK e.V.“

„Wie bitte? Was für ein Verein?“, wollte Esther wissen.

„GVAJuMuEFK e.V..Gemeinnütziger Verein für abenteuerlustige Jungen und Mädchen unter Eins Fünfzig Korknidien, eingetragener Verein. Erlauben Sie einzutreten?“

Ohne eine Antwort abzuwarten, schob er sich an Esther vorbei ins Haus. Sein Blick fiel auf Malina. „Du bist also unser neues Mitglied. Herzlich willkommen im Verein.

Dein Abenteuer wartet bereits auf dich. Morgen früh geht es los.“

„Mein Abenteuer?“, fragte Malina ungläubig. „Was für ein Abenteuer?“

„Das wirst du schon sehen“, meinte Pimpinellus Brazelborm. „Alles, was ich brauche, sind dein Name und deine Lieblingsfarbe. Danach nenne ich dir unseren Treffpunkt und bringe dich nach Korknidien. Dort erwartet dich das tollste Abenteuer, was du dir nur ausmalen kannst. Ich verspreche es dir.“ Er grinste breit und zog eine Papierrolle sowie einen Füller aus dem Ärmel. „Name?“

„Ma...“, hob Malina an.

Abrupt unterbrach ihre Mutter sie: „Moment. Einen kleinen Moment bitte, ja?“ Sie schloss die Tür und machte ein entschlossenes Gesicht. „Hier werden gar keine Namen und Lieblingsfarben aufgeschrieben, Herr Purzelbaum!“

„Brazelborm“, verbesserte das Männchen ärgerlich. „Und kommen Sie ja nicht auf die Idee,Zwerg zu mir zu sagen.

Ich komme schließlich nicht aus dem Märchenland, sondern aus Korknidien.“

„Wo liegt denn Korknidien?“, fragte Malina interessiert.

Pimpinellus Brazelborm kicherte. „Gleich morgen früh wirst du es sehen. Wenn dein Abenteuer beginnt.“

„Und was sind Sie dann, wenn Sie kein Zwerg sind?“, wollte Esther wissen.

„EinDönk.“ Er wandte sich wieder an Malina. „Sagst du mir jetzt bitte deinen Namen?“

„Ich heiße Ma...“

„Stopp!“, unterbrach Esther erneut. „Kein Name, kein Korknidien, kein Abenteuer! Ich kenne Sie und Ihren Verein überhaupt nicht.“

Der Dönk rollte die Augen. „Selbstverständlich kennen Sie mich und meinen Verein nicht. Wie sollten Sie auch als Erwachsene? Aber gut, ich werde es Ihnen erklären.“

Ohne zu fragen setzte er sich auf das Sofa und legte die Füße auf den kleinen Beistelltisch, direkt neben der Schüssel mit den Erdbeeren.

„Sind die etwa aus eurem Garten?“ Er kicherte. „Ganz schön mickrig, was? Die Erdbeeren in Korknidien sind dreimal so groß. Und sie werden nicht nur im Sommer geerntet. Nein, das ganze Jahr über können wir Erdbeeren essen. Auch Himbeeren, Johannisbeeren, Stachelbeeren und Heidelbeeren. Hier, seht selbst.“ Pimpinellus Brazelborm nahm den Deckel von der Kanne und ließ die beiden hineinsehen.

Beim Anblick und Duft der Heidelbeeren lief Malina das Wasser im Mund zusammen.

„Nicht essen“, zischte Esther. Aber auch ihre Augen schauten mit großem Appetit in die Kanne.

„Ja, so tragen sie, unsere Beerensträucher in Korknidien“, erzählte Pimpinellus Brazelborm. „Eine Woche lang blühen sie, eine Woche lang reifen sie. Aber während an dem einen Zweig die Blüten stehen und am zweiten Zweig das Reifen beginnt, werden sie am dritten Zweig schon geerntet. Dann gibt es Kompott mit Milch und Schlagsahne, Eis und Sorbet, Kuchen und Torten, Saft und Marmelade. Und inmitten dieses wunderbaren Landes wartet dein Abenteuer, kleines Mädchen. Du wolltest doch ein Abenteuer erleben, nicht wahr?“

„Ja“, gab Malina eifrig zu. „Das wollte ich schon immer.

Aber Mama hat mir nie geholfen, eins zu finden. Sie hat mir immer nur viel Glück bei der Suche gewünscht.“ Vielsagend blickte sie zu ihrer Mutter.

Esther errötete ein wenig. „Was soll denn das für ein Abenteuer werden?“, brummte sie.

„Das darf ich verständlicherweise nicht verraten. Sonst ist es ja kein Abenteuer mehr“, entgegnete Pimpinellus Brazelborm. „Ich kann Ihnen jedoch versichern, dass es Ihrem Kinde nicht schaden wird. Im Gegenteil, es wird ihm ganz außerordentlich wohltun.“

„Wie lange dauert das Abenteuer denn?“, fragte Malina.

„Auch das ist ein Geheimnis. Abenteuer dauern so lange, wie sie dauern müssen. Aber es geht gut aus, ganz bestimmt. Spätestens, wenn du Eins Fünfzig bist.“ Er zwinkerte.

„Eins Fünfzig?“

„Deine Körpergröße. Einen Meter und fünfzig Zentimeter.

Also, bist du dabei? Ich brauche nur deinen Namen und deine Lieblingsfarbe, dann verrate ich dir unseren Treffpunkt. Aber du musst es mir gleich sagen. Ich komme zu jedem Kind nur ein einziges Mal. Überhaupt wirst du nie wieder die Chance auf ein Abenteuer bekommen, wenn du jetzt nichtJa sagst.“

Erneut schaute Malina zu ihrer Mutter. Esther machte ein sehr ernstes, beinahe wütendes Gesicht.

Der Dönk seufzte. „Ich verstehe. Die Erwachsenen. Es sind immer die Erwachsenen. Die besorgten Väter, die vorsichtigen Mütter. Ja, ja, ich weiß schon: bloß nicht mitspielen, bloß keinen Spaß haben. Und die Kinder müssen immer schön brav und artig sein und sich benehmen, dürfen niemals bockig sein oder widersprechen. Da ist kein Platz für Abenteuer, nicht wahr? Wer weiß, vielleicht fängt sogar bald die Schule an? Dann beginnt der große Ernst des Lebens und der schlimme, schwere und langweilige Alltag, mit dem man sich plagen muss. Lernen, Hausaufgaben machen und arbeiten, das ist ja alles so furchtbar wichtig! Erwachsen muss man werden, ja ja.“

„Jetzt übertreiben Sie mal nicht“, sagte Esther beleidigt.

Pimpinellus Brazelborm tat, als hörte er sie gar nicht.

„Weißt du, was das Schlimmste an der ganzen Geschichte ist, kleines Mädchen? Dass die Erwachsenen vergessen haben, dass auch sie einmal Kinder waren. Dass sie auch einmal gern gespielt haben und dass sie vor allem Abenteuer erleben wollten. Doch leider, leider haben sie sich von ihren Eltern erziehen lassen. Sie wurden artig, haben fleißig ihre Hausaufgaben gemacht und sind selber erwachsen geworden. Ist das nicht schrecklich? Wie langweilig muss so ein Erwachsenenleben doch sein.“

„Das ist doch gar nicht wahr“, widersprach Esther.

Der Dönk ignorierte sie erneut und sah allein zu Malina, die ihm beeindruckt zuhörte. Fast war es, als ob er ihr direkt aus dem Herzen gesprochen hätte.

Er legte den Deckel zurück auf die Kanne und stand auf.

„Alles, was wir wollen, ist, den armen Kindern zu helfen.

Deswegen haben wir unseren Verein gegründet. Aber immer wieder sind es die Erwachsenen, die sich gegen uns stellen und Schwierigkeiten machen. Was kann ich da noch tun, wenn deine Mutter so bockig ist und dich nicht in ein Abenteuer ziehen lassen will? Nichts kann ich tun. Nichts als mich zu verabschieden und dir zu sagen, welch großes Mitleid ich mit dir habe, dass du eines Tages erwachsen sein wirst. Lebe wohl.“ Mit trübsinnigem Kopfschütteln lief der Dönk zur Tür.

„Nein,...