Kapitel 1 – Die Schnüfflerin
London, England
November 1838
Quinn riss die Augen auf und starrte in die Dunkelheit, als er ein Knarzen hörte. Auf der Rajula hätte ihn eine knarrende Diele nicht aus der Ruhe gebracht. Es war normal, dass das Holz auf einem Schiff arbeitete und es an Bord selbst bei absoluter Windstille niemals ganz ruhig war. Doch er befand sich nicht auf seiner Fregatte, sondern im Büro seiner Reederei … und er war nicht länger allein.
Er musste an seinem Schreibtisch eingenickt sein. Durch das Fenster drang kein Tageslicht mehr, und das Kaminfeuer, das ihm sonst den Rücken wärmte, war erloschen.
Ob Thomas etwas vergessen hatte? Quinn lernte den jungen Mann seit einer Weile an, damit er sich selbst in Zukunft besser um Lucy kümmern konnte. Mit seinen dreiunddreißig Jahren war Quinn schließlich nicht mehr der Jüngste, weshalb er endlich kürzertreten wollte. Er hatte in seinem Leben mehr als genug gearbeitet.
Als kein Licht aufflackerte, war Quinn plötzlich hellwach. Das war nicht Thomas. Der würde sich nicht im Dunkeln hereinschleichen.
Reglos blieb Quinn auf seinem Stuhl sitzen, während er langsam einen Arm nach hinten streckte, um nach dem Schürhaken zu greifen. Kaum umklammerten seine Finger das kühle Metall, vernahm er einen donnernden Laut, als wäre jemand gegen die Kiste gestoßen, die im Eingangsbereich stand, danach ein leises Fluchen.
Unwillkürlich musste er grinsen. Der Eindringling schien ein Amateur zu sein. Der hatte Glück, dass Quinn die Tür nicht verriegelt hatte. Sonst hätte er den ungebetenen Besucher eher bemerkt. Womöglich handelte es sich dabei um einen seiner Männer, der ihm einen Streich spielen wollte? Seine ehemalige Crew, mit der er viele Jahre lang gesegelt war, befand sich gerade in London, bevor es in ein paar Tagen mit der neuen Fracht unter der Führung von Captain Walsh, seinem ehemals Ersten Offizier, nach Amerika ging. Die »Jungs« waren stets zu Späßen aufgelegt. Quinn vertraute jedem einzelnen. Allerdings würde er sich nicht scheuen, jedem von ihnen, sollte er ihn hereinlegen wollen, einen ordentlichen Dämpfer zu verpassen. Es war ohnehin viel zu lange her, seit er sich das letzte Mal körperlich betätigt hatte, deshalb käme ihm ein kleiner Boxkampf gerade recht.
Er hielt die Luft an, als kaum zwei Meter entfernt ein Licht aufflackerte. Sein Besucher hatte eine kleine Laterne entzündet und hielt sie über den großen Tisch in der Mitte des Raumes, auf dem sich Frachtpapiere und weitere Dokumente stapelten, die er zuvor mit Thomas durchgegangen war.
Quinn senkte leicht den Kopf, so als würde er schlafen, und beobachtete den Einbrecher unter halb gesenkten Lidern. Der Unbekannte war nicht besonders groß und eher schlank, soweit Quinn das abschätzen konnte, also kein schwerer Gegner. Er trug eine einfache braune Hose, eine Jacke in derselben Farbe und ein Käppi. Die Kleidung sah sauber, aber abgetragen aus. Offenbar stammte der Mann aus einfacheren Verhältnissen.
Suchte er Geld?
Wer war er?
Wegen der Kopfbedeckung konnte Quinn dessen Gesicht nicht erkennen. Der Kerl ging leichtfüßig und fast schon anmutig um den Tisch herum, wobei er die Laterne dicht über die Papiere hielt. Derart elegant bewegte sich keiner seiner Leute.
Da die Lampe nur einen kleinen Lichtkegel verbreitete, befand sich Quinn weiterhin im Schatten und konnte seine Beobachtungen in Ruhe fortführen. Dem Einbrecher schienen die Frachtpapiere zu interessieren. Also könnte es sich um einen Spion handeln, den ein anderer Reeder angeheuert hatte. Quinns Geschäft lief gut, und das war natürlich ein Dorn im Auge der Konkurrenz. Vor einem Jahr hatte er seine Kapitänsmütze an den Haken gehängt und sich an Land selbstständig gemacht – Lucy zuliebe. Er war für sie alles, was sie hatte, und umgekehrt bedeutete sie ihm die Welt.
Seine Reederei war ihm fast genauso wichtig, denn sie sicherte sein Einkommen. Zwar hatte er durch seine früheren, nicht immer ganz legalen Deals ein Vermögen angehäuft, aber das würde auch nicht ewig reichen.
Jetzt war er ein anständiger Mann. Dennoch würde er jeden aus dem Weg räumen, der seine rechtschaffenen Geschäfte vereiteln wollte. Noch genoss er es allerdings zu sehr, dem etwas unbeholfenen Einbrecher zuzusehen.
Dessen zitternde Hände sahen viel zu sauber und gepflegt aus für einen gewöhnlichen Dieb von der Straße. Außerdem passte der feine Hüftschwung nicht zu einem Mann. Als Quinn endlich das Gesicht erblickte, wunderte er sich, wie makellos es im matten Lichtschein wirkte, wie aus Alabaster gemeißelt. Ausdrucksstarke Augen musterten mit wachsamen Blick seine Papiere. Hin und wieder kratzte sich der junge Mann mit dem Zeigefinger nervös an der Nase, die so gerade aussah, dass er sie sich garantiert noch nie gebrochen hatte. Mehrmals biss er sich auf die perfekt geschwungene Unterlippe.
Quinn entfuhr beinahe ein amüsiertes Schnauben, als ihn die Erkenntnis wie ein Blitz traf. Wer