: Sabrina Beutler
: Maka Pilau Band 7
: Books on Demand
: 9783756264681
: 1
: CHF 15.00
:
: Spannung
: German
: 684
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Es wird eng. Ausweichen wird unmöglich. Vertrauen und Verrat verschmelzen. Wer kann wissen, was richtig ist? Die Frage bleibt, wer es schaffen wird, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Und zu welchem Preis.

230.


„Los, weiter! Weiter!“

Zohal schob den Mann durch die Küche. Personal starrte sie an, aber niemand hielt sie auf. Sie sah den Lieferanteneingang da, wo sie ihn in etwa erwartet hatte und hielt darauf zu.

„Was zum Teufel soll das?!“, startete Huggins einen weiteren, halbherzigen Protest, aber Zohal öffnete die Tür und zerrte ihm kommentarlos am Ärmel auf den Parkplatz hinaus.

Hier standen nur die Autos des Personals und einige Lieferwagen, aber Zohal wusste, wo Huggins sein Auto geparkt hatte, und sie wusste auch, wie man dort hin kam. Sie zerrte ihn durch ein schmales Gatter auf den Golfplatz. Da endlich riss er seinen Ärmel aus ihrem Griff.

„Teufel, was soll das?!“, protestierte er und blieb diesmal wirklich stehen. „Wer sind Sie?!“

„Gehen Sie weiter!“, sagte Zohal und traf tatsächlich einen Tonfall, der sogar ihn gehorchen ließ. „Da lang.“ Sie zeigte auf den Fußweg, der direkt zu dem seitlichen Parkplatz führte, wo er sein Auto hatte.

Zohal hatte gezweifelt, als sie es dort gefunden hatte. Dieser Parkplatz war näher am Golfplatz, das passte, aber er war weiter weg vom Clubhaus, und wenn Laurens Vermutung zutreffen sollte, dass Huggins nach jeder Golfrunde dort rumhing und Frauen nachstellte, dann hätte sie vermutet, dass er sein Auto eher dort positionieren würde. Aber sie kannte sein Nummernschild, sie hatte es sich gemerkt, als sie sein Quartier und sein Haus ausspioniert hatte, und momentan hatte sie keine Zeit, über seine Parkplatz-Vorlieben nachzudenken.

„Ich habe Sie etwas gefragt“, sagte Huggins schroff.

„Sie wurden vor gut zehn Jahren wegen Vergewaltigung angezeigt“, sagte Zohal und schob ihn weiter. „Von Sergeant Hopkins.“

Sie spürte, wie Huggins erstarrte. Nur innerlich, äußerlich sah man ihm nichts an, aber Zohal spürte es in seinem Arm. „Haltloser Schwachsinn“, sagte er abschätzig. „Das Gericht hat die erbärmlichen Machenschaften dieser Frau durchschaut und…“

„Sie hat ihre Karriere verloren“, unterbrach ihn Zohal. „Und ihren Rentenanspruch.“

„Sie hat bekommen, was sie verdient hat“, sagte Huggins kalt. „Was soll das?“

„Sie stellt Ihnen nach“, sagte Zohal und schob ihn durch ein weiteres Gatter auf einen anderen Parkplatz. „Das Mädchen an der Bar war vierzehn. Sergeant Hopkins hatte sie auf Sie angesetzt und alles gefilmt. Sie wollte Sie mit einer Minderjährigen erwischen. Kommen Sie.“ Sie schob ihn auf sein Auto zu. „Schließen Sie auf, wir müssen reden.“

Sie zeigte auf das Auto und holte ihren Rucksack hinter dem Hinterrad hervor, wo sie ihn versteckt hatte.

„Nein“, sagte Huggins und blieb stehen. „Müssen wir nicht!

Sie müssen sich erklären, das ist nicht dasselbe! Außerdem, woher zum Teufel kennen Sie mein Auto?“

„Wie sie wollen“, sagte Zohal und kramte sein Schlüsseletui aus ihrer Handtasche. Sie holte den Autoschlüssel raus, drückte auf den Knopf und schloss das Auto auf.

Huggins starrte sie sprachlos an und tastete automatisch nach seiner Hosentasche, wo seine Schlüssel sein sollten und nicht waren.

„Sie fahren“, sagte Zohal, warf ihm die Schlüssel zu und stieg ein, bevor er sich erholen konnte.

Es dauerte einen Augenblick, bis die Tür auf der Fahrerseite aufging und Huggins zu ihr ins Auto stieg. Er machte den Mund auf, um etwas zu sagen, aber Zohal kam ihm zuvor.

„Fahren Sie“, sagte sie. „Die Polizei ist hier und stellt alles auf den Kopf. Sie wollen denen nicht erklären, was Sie da eben an der Bar getan haben.“

„Ich habe gar nichts getan!“, protestierte er. „Das ist eine infame Unterstellung, ich…“

„Ich war dabei“, schnitt Zohal ihn ab. „Sparen Sie sich das. Sie haben ein Kind angemacht und ihr Alkohol aufgedrängt. Routiniert und ganz selbstverständlich. Und vor Zeugen.“ Plötzlich verstand Zohal, warum er nicht beim Clubhaus parkte. Er brauchte sein Auto dort nicht. Weil er mit den Frauen nicht wegfuhr. Er ist verheiratet, dachte sie. Er kann sie nicht nach Hause bringen. Er fährt gar nicht weg, mit ihnen.

„Sergeant Hopkins ist da vorne“, sagte sie, drohend leise. „Mit einem Heer an Polizisten. Und sie will, dass die diese Bude auf den Kopf stellen. Sie will, dass die sich die Überwachungskameras ansehen und jedes junge Mädchen ausfindig machen, das dort zu sehen ist. Sie will, dass sie mit dem Personal reden. Mit Juan, zum Beispiel. Sie will, dass sie denen erklären, was Beihilfe bedeutet. Und sie will, dass die sich das Obergeschoss genau ansehen. Mit einer forensischen Einheit. Mit Leuten, die Schwarzlichtlampen haben, die DNA suchen und Haare und so weiter. Die werden Ihr Nest finden, Mister Huggins, und sie werden es einen Tatort nennen. Fahren Sie!“

Huggins zögerte. Zohal sah, dass sie mit ihrem Schlag ins Dunkle besser getroffen hatte, als ihm recht war.

„Was zum Teufel wollen Sie von mir?“, knurrte er.

„Reden“, sagte Zohal. „Ich habe ein Angebot für Sie, wie Sie aus all dem wieder raus kommen. Aber Sie müssen hier weg.“

Huggins sah sie an und zögerte. Dann seufzte er, gab sich einen Ruck und startete den Motor.

„Das heißt aber nicht, dass ich Ihnen in irgendeiner Weise recht gebe“, stellte er klar und fuhr rückwärts aus der Parklücke. „Nur, dass das klar ist! Ich habe nichts zu verbergen!

Ich habe keine Ahnung, was diese Frau gegen mich hat, und ich habe keinen Grund, mich vor ihr zu verstecken!

Das Gericht hat das bestätigt!“

„Schon klar“, sagte Zohal.

Sie fuhren vom Parkplatz. Als sie auf die Straße einbogen, sah Zohal nach rechts, wo der Parkplatz des Clubhauses war und die blinkenden Lichter der Einsatzfahrzeuge die Nacht aufhellten und die schicke Eleganz des Anwesens auflösten, als wäre sie nie mehr als eine Illusion gewesen. Sie sah Menschen, aber sie erkannte niemanden.

Huggins bog nach links ab und fuhr davon, aber nicht ohne einen besorgten Blick in den Rückspiegel zu werfen. Zohal war der Blick nicht entgangen. Sie wusste, dass sie ihn am Haken hatte. Er sagte nichts. Einen Moment fuhren sie schweigend.

„Da vorne lassen Sie mich aussteigen“, sagte Zohal und zeigte auf die Kreuzung, wo die Zufahrt zu seinem Quartier abging. „Fahren Sie nach Hause. Vermutlich wird ein Polizeiwagen in Ihrer Straße stehen. Es kann sein, dass die Sie ansprechen werden. Sagen Sie ihnen, dass alles in Ordnung ist und Ihnen nichts Ungewöhnliches aufgefallen ist.“

„Aber… Was…“

„Ich werde Sie kontaktieren.“

Das Auto erreichte die Kreuzung, und Zohal öffnete die Tür, noch bevor Huggins angehalten hatte. Sie stieg aus, warf die Tür zu und verschwand so schnell wie möglich aus den Lichtkegeln der Straßenlampen. Hau schon ab, dachte sie, dämlicher Idiot, fahr schon, dann fuhr Huggins davon.

Zohal zog sich um. Sie machte sich keine Mühe, dafür Schutz zu suchen. Es war niemand zu sehen, und ihr war es egal. Sie hatte keine Zeit. Das Kleid und die eleganten Schuhe aus der Kleiderspende stopfte sie in den Rucksack, die Handtasche auch. Sofort fühlte sie sich besser. Ihre eigenen Sachen waren dreckig und zerschlissen, aber sie hatten brauchbare Taschen, waren warm und robust, und man konnte in ihnen rennen.

Zohal rannte los. Sie kannte den Weg ganz genau, sie hatte ihn zwei mal auskundschaftet, einmal am Vortag und einmal vor einigen Stunden, während sie auf Huggins gewartet hatten. Das Quartier war eine bewachte Wohnanlage, aber der Zaun war nicht besonders ernsthaft, und Zohal fand den Durchschlupf am Rande einer Hecke auch im Dunkeln sofort wieder. Es folgten mehrere Privatgrundstücke. Zohal hielt sich an deren Rand und nutzte zu den Häusern hin die Deckung der Büsche, aber trotzdem aktivierte sie zweimal einen Bewegungssensor, und Lichter gingen an. Damit hatte sie gerechnet, und sie wusste, dass das die Bewohner nicht grundsätzlich in Alarm versetzen würde, hier gab es jede Menge Katzen und bestimmt auch andere Tiere, die dafür verantwortlich gemacht werden konnten, und sie war geschickt darin, von den Belichtungen nicht erfasst zu werden.

Das Haus der Familie Huggins sah auf seiner Rückseite genau so aus wie die der Nachbarn auch. Es gab einen Rasen mit einem Sitzplatz, einige Bäume, einige Blumenbeete, einen kleinen Springbrunnen, eine Veranda. Im zweistöckigen Haus brannte gedimmtes Licht. Zohal drückte sich dem Zaun entlang am Nachbargrundstück vorbei und erreichte Huggins‘ Einfahrt. Das Licht der Straßenlampen reichte bis zur Beleuchtung der Einfahrt und ließ Zohal keine Deckung. Auch damit hatte sie gerechnet. Sie verharrte im Schatten des Zaunes, atmete ein paar mal tief durch, um sich zu beruhigen und lauschte in die Nacht. Man hörte das ferne Rauschen von Straßenverkehr. Das dumpfe, leise Dröhnen, das Großstädte immer von sich gaben. Irgendwo hupte ein Auto. Und in all dem hörte Zohal das, was sie vermutet hatte. Sie hörte Stimmen. Sie...