: Ludwig Stockinger
: Rhetorik und Metarhetorik in Aufklärung und Romantik Theorie und Praxis der 'Beredsamkeit' bei Gottsched, Wieland und in der Romantik
: Walter de Gruyter GmbH& Co.KG
: 9783111040196
: Untersuchungen zur deutschen LiteraturgeschichteISSN
: 1
: CHF 119.40
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: Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft
: German
: 438
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB

Rhetorik ist seit ihren Anfängen dem Vorwurf der Manipulation ausgesetzt, gegen den schon in der Antike eine 'Rhetorik im Dienst der Vernunft' aufgeboten worden ist. Die Untersuchung ist der Transformation dieses Konzepts in Aufklärung und Romantik gewidmet. Am Beispiel von Johann Christoph Gottscheds Lehrbuch der Rhetorik wird ein Versuch der Frühaufklärung analysiert und am Beispiel seiner 'Festreden' die Praxis einer 'Rhetorik der Vernunft' untersucht. Die Auseinandersetzung mit diesem Konzept im Rahmen der 'selbstreflexiven Aufklärung' wird am Beispiel der Darstellung von dessen Scheitern in Christoph Martin Wielands 'Geschichte des Agathon' analysiert. Bei der Transformation von Theorie und Praxis der 'Beredsamkeit' in Texten der Romantik stehen neue Herausforderungen - Ideal der Kunstautonomie und Neubegründung des Verhältnisses von Mündlichkeit und Schriftlichkeit - im Mittelpunkt. Am Beispiel von A. W. Schlegels 'Berliner Vorlesungen' wird abschließend der Typus der 'Öffentlichen Vorlesung' als mediengeschichtlich innovative Antwort auf Probleme der Rhetorik um 1800 einer eingehenden Analyse unterzogen.



Ludwig Stockinger, Universität Leipzig.

Vorbemerkungen zur Entstehung und zur Fragestellung dieser Arbeit


Der erste Anlass zu den Überlegungen, die ich hier zur Diskussion stellen möchte, liegt schon einige Zeit zurück. Am 12. Dezember 2016 veranstalteten zum 250. Todestag von Johann Christoph Gottsched das Institut für Germanistik der Universität Leipzig, die Sächsische Akademie der Wissenschaften zu Leipzig und die Bibliotheca Albertina der Universität Leipzig gemeinsam eine Festveranstaltung mit dem Titel „Der Aufklärer in Leipzig“. Von den Veranstaltern bin ich damals gefragt worden, ob ich dazu einen ‚Festvortrag‘ halten könne. Für dieses Redegenre bietet sich üblicherweise eine Gesamtwürdigung von Person und Werk an; da ich diesen Weg einige Jahre vorher bei einem Vortrag aus Anlass von Gottscheds 300. Geburtstag schon einmal gewählt1 und das Gefühl hatte, in dieser Hinsicht nichts wirklich Neues zu diesem Autor sagen zu können, kam mir die Idee, diesmal einen speziellen Aspekt von Gottscheds Werk in den Mittelpunkt zu stellen: seine eigenen Reden, insbesondere diejenigen, die er selber als ‚Festreden‘ konzipiert und gehalten hat. Die Wahl dieses Aspekts erschien mir zudem durch den Umstand gerechtfertigt, dass „Gottscheds rednerische Praxis […] ein weithin unerforschtes, zugleich zentrales Kapitel der rhetorischen Kultur des 18. Jahrhunderts darstellt“.2

Wenn es in der Literatur das Phänomen der ‚Metafiktion‘ gibt, die Reflexion der Fiktionalität im Modus der fiktionalen Erzählrede selbst, warum, so meine Überlegung, sollte man sich dann nicht an einer ‚metarhetorischen‘ Rede versuchen, einer ‚Festrede‘ über einen ‚Festredner‘. Für dieses Verfahren der Reflexion von Rhetorik im Modus der Rede gibt es ja auch prominente Beispiele, angefangen mit derApologie des Sokrates, in der der Redner seine Vorstellung einer Rhetorik im Dienst der Wahrheit von der seiner Ankläger abgrenzt. Gottsched selbst hat mit seinem erfolgreichen Lehrbuch, derAusführlichen Redekunst von 1736, nicht nur Regeln und Ratschläge für die Praxis des Redners vorgelegt, sondern sein Konzept auch theoretisch begründet und das Problem der Unterscheidung von ‚wahrer‘ und ‚falscher‘ Redekunst, eine zentrale Frage der Legitimation von Rhetorik, in der Form einer Rede mit dem Titel „Daß der Redner ein ehrlicher Mann seyn muß“ (GAW IX/2. S. 509 – 518) erörtert. Adam MüllersZwölf Reden über die Beredsamkeit, die er im Jahr 1812 in Wien vor einem illustren Publikum gehalten hat, sind ein prominentes Beispiel dieser Art von ‚Metarhetorik‘ innerhalb der Romantik.

Bei der Planung des nun vorliegenden Buches hatte ich die Absicht, diese ‚Festrede‘ zu Ehren und zum Gedächtnis Gottscheds in ihrer den spezifischen Anforderungen des mündlichen Vortrags angepassten Gestalt zu einem umfangreicheren schriftlichen Text auszuarbeiten, in den ich ohne Rücksicht auf diese Bedingungen alles einfügen konnte, was sich bei den vorbereitenden Recherchen angesammelt hatte, im mündlichen Vortrag aber nicht hat unterbringen lassen. Die ursprüngliche Absicht sollte aber spürbar erhalten bleiben: Die Würdigung einer Leistung, die es wert ist, im ‚kulturellen Gedächtnis‘3 bewahrt zu werden, so wie dies Gottsched selbst in seinen ‚Festreden‘ beabsichtigt hat. Der Anspruch, die Leistung dieses Autors der deutschen Frühaufklärung angemessen zu würdigen, hat allerdings zu einer Ausweitung des Umfangs geführt, die zu Beginn der Arbeit noch nicht absehbar war.

Wollte ich eine Rede zum 250. Todestag Gottscheds halten, so musste ich, wenn ich der