1. KAPITEL
Don Rafael betrachtete kritisch die junge Frau, die ihm gegenüber stand. Sie ist auch nicht anders als all die feinen jungen Damen der High Society hier in Buenos Aires, dachte er abfällig. Reich und verwöhnt. Allerdings kam sie ihm ein wenig blass vor. Das lag wahrscheinlich an ihrem englischen Vater. Doch ihre Mutter Maria Fuentes de la Roja war durch und durch eine argentinische Adelige. Rafael ärgerte sich, dass er an diesem Abend schon so viel getrunken hatte. Der Whisky half ihm auch nicht, sich aus dieser leidigen Situation zu befreien oder dem Gefühl des Gefangenseins zu entfliehen, mit dem er nun schon seit Jahren leben musste.
Isobel Miller feierte heute ihren achtzehnten Geburtstag. Und er war gekommen, um ihr endlich von Angesicht zu Angesicht gegenüberzutreten. Und jetzt stand sie vor ihm, die Frau – mit einem unangenehmen Gefühl im Magen korrigierte er sich – dasMädchen, dem er seit seinem achtzehnten Lebensjahr versprochen war.
„Ich werde Sie niemals heiraten!“
Isobels Atem ging stoßweise, und ihre Brust hob und senkte sich heftig. Noch nie in ihrem Leben hatte sie sich so bedroht und eingeschüchtert gefühlt. Wütend ballte sie die Hände zu Fäusten. In ihrem mondänen und viel zu engen Satinkleid kam sie sich albern und linkisch vor. Doch ihre Mutter hatte darauf bestanden, dass sie es zu ihrer Geburtstagsfeier heute Abend trug. Und ihre Mutter duldete keinen Widerspruch.
Der Mann vor ihr musterte sie kühl. Mit dunkler Stimme, bei deren Klang ihr ein beunruhigender, nie gekannter Schauer über den Rücken lief, sagte er: „Ich bezweifle, dass du das wirklich ernst meinst. Du hast doch gar keine andere Wahl. Dein Schicksal war besiegelt, als dein Großvater meinem Vater dieestancia deiner Familie verkaufte. Jeder der beiden bekam, was er wollte“, fügte er bitter hinzu. „Dein Großvater das Geld und außerdem die Garantie, dass dieestancia durch deine Heirat wieder in den Besitz seiner Familie zurückfällt.“
Isobel bemühte sich, den Sinn seiner Worte zu verstehen. „Sie meinen … Sie meinen, dass Ihr Vater übervorteilt wurde?“
„Wohl kaum“, meinte er trocken. „Niemand übervorteilte je meinen Vater. Damals war er jedoch als Einziger bereit, ein Angebot für einen derart riesigen Besitz zu machen. Doch er sorgte auch dafür, dass er im Gegenzug bekam, was er wollte. Ihm lag viel an einer standesgemäßen Heirat seines Sohnes – alsomir – mit einer Frau aus angesehener Familie – alsodir. Die Millers haben in Buenos Aires immer noch einen guten Namen, auch wenn ihr Vermögen inzwischen ziemlich zusammengeschrumpft ist. Dein Großvater erhielt damals nur den halben Preis für seinen Besitz. Nach dem Willen meines Vaters bekommt deine Familie die andere Hälfte erst am Tag deiner Hochzeit, also an deinem einundzwanzigsten Geburtstag.“
Isobel wurde schwindelig. Zwar kannte sie, seit sie siebzehn war, diese Abmachung. Sie hatte also gewusst, dass dieser Tag einmal kommen würde. Aber sie hatte den Gedanken daran einfach verdrängt, in der Hoffnung, dass er niemals Wirklichkeit würde. Außerdem lag das damals alles noch in weiter Ferne: Sie war zu der Zeit in England, besuchte eine höhere Schule und lebte bei der Familie ihres Vaters.
Doch jetzt hatte die Realität sie eingeholt, und sie musste sich ihr stellen. Isobel spürte, wie Panik in ihr aufstieg und ihr die Kehle zuschnürte. „Es ist doch nicht meine Schuld, dass Großvater damals auf diesen Handel eingegangen ist.“
Die Rückkehr nach Buenos Aires war ihr sowieso schon schwergefallen. In der ziemlich konservativen feinen Gesellschaft von Buenos Aires hatte sie sich nie sehr wohl gefühlt. Und seitdem sie in England die bodenständige, unkomplizierte Verwandtschaft ihres Vaters kennengelernt hatte, schon gar nicht. Eigentlich wollte sie nach dem Abschluss der Schule in Europa bleiben und sich ihrer großen Leidenschaft widmen, dem Tanz. Allerdings wusste ihre Familie noch nichts von ihrem Entschluss.
Sie konnte sich einfach nicht vorstellen, das Leben einer verwöhnten Millionärsgattin zu führen. Sie verstand nicht, wieso viele junge Frauen aus ihrem Bekanntenkreis genau das taten. Dabei hatten sie die exklusivsten Schulen der Welt besucht!
Don Rafael Ortega Romero lachte kurz und scharf auf. Seine weißen Zähne blitzten. Isobel zuckte bei dem harten Lachen zusammen. „Bist du wirklich so naiv, kleine Isobel Miller? Unsere Gesellschaft basiert auf Verbindungen, die aus Berechnung und Bequemlichkeit geschlossen werden. Seit Generationen werden so Ehen arrangiert.“
Da war wieder dieses vernichtend zynische Lächeln. „Wenn wir alle an die Liebesheirat glaubten … Mein Gott, dann würde die ganze Hierarchie zusammenbrechen und bald Anarchie herrschen.“
Im leicht zerknitterten Smoking, mit offenem Hemd und lässig gebundener Smokingschleife, umgeben von einer Aura rauer Sinnlichkeit, wurde der begehrteste und am schwersten zu erobernde Junggeselle von Buenos Aires seinem arroganten und skrupellosen Ruf mühelos gerecht. Die Hände tief in die Taschen seiner hervorragend geschnittenen schwarzen Hose vergraben, präsentierte sich Rafael Romero als ein Prachtexemplar von Dominanz und unerschütterlicher Männlichkeit.
Isobels Angst wuchs und mit ihr ihre Wut. Mit zusammengebissenen Zähnen zischte sie: „Ich bin wederklein noch naiv. Das ist ja wie im Mittela