Zweifellos war es die wichtigste und unruhigste Nacht seines Lebens, vom Sonntag auf Montagmorgen, 8. November 1993. Seine Gedanken geisterten durch die letzten Wochen wie durch einen nebligen Irrgarten, dessen Ausgang ihm noch für viele Stunden verhüllt bleiben würde. Corinne schlief neben ihm offenbar in tiefer Behaglichkeit mit ruhigen, gleichmäßigen Atemzügen, die trotz der Stille der Nacht kaum zu hören waren. Die Zeit verging unglaublich zäh und langsam. Das Bild von Salvador Dalis weichen Uhren schwirrte in seinem Kopf und schien ihn zu verspotten.
Den Anruf aus dem Kraftwerk erwartete er um etwa 06:00 Uhr, aber spätestens um 06:15 Uhr, wenn Gebhardt die Schicht von Rapolter übernommen haben würde. Er kannte seine direkten Mitarbeiter. Gebhardt würde sich sofort absichern wollen und seinen Vorgesetzten ‚unverzüglich‘ informieren, wie es die Vorschrift forderte.
Vorsichtig und leise drehte er sich zur Seite und griff nach seinem Wecker. Es war ein Designer-Modell, das ihm Karin vor einigen Jahren geschenkt hatte, ein kleiner schwarzer Kasten, auf allen sechs Seiten nahezu identisch außer den unauffälligen Bedienungselementen auf der Rückseite. Seine Ziffern konnten durch ein lautes Geräusch oder durch eine Berührung zum Aufleuchten gebracht werden. Kurz verharrte seine ausgestreckte Hand über dem Wecker, vorher wollte er überlegen, ob er richtig lag mit seiner Abschätzung der Uhrzeit. Er vermutete etwa 03:00 Uhr. Als er den Wecker berührte, strahlten die Ziffern mit 01:03 Uhr auf und erhellten das Zimmer für zehn lange Sekunden, bevor sie wieder in schwarzer Nacht erstarben. Grausam! Noch mindestens fünf Stunden! Corinne atmete leise und gleichmäßig neben ihm, ihre Kontur war nur schemenhaft zu erahnen.
Seine Gedanken schweiften im Dämmerzustand ab und sprangen unkontrollierbar von einem Ereignis der letzten Monate zum nächsten. Seine ehemals ach so solide Welt und seine Lebensstrategie waren ihm entglitten und existierten nicht mehr.
'Stabile Dreibein-Strategie': Familie – Beruf – Hobby.
Das war ihm vom Maschinenbau-Studium in Erinnerung geblieben: Nur ein Tisch mit drei Beinen steht immer stabil. Er wackelt nie. Aber nach seinem vierzigsten Geburtstag vor etwa zwei Monaten konnte er es vor sich selbst nicht mehr verleugnen: Seine drei Standbeine waren weich geworden und schließlich eingeknickt, alle drei. Zuerst sein Hobby als gefragter Abwehrspieler seines Fußballvereins FC 07 Bensheim. Gute Abwehrspieler waren beliebt, denn dann konnten sich die Mitspieler im Angriff beim Toreschießen profilieren, während er in der Abwehr nur negativ auffiel, wenn er Gegentore nicht zu verhindern vermochte. Doch mit zweiunddreißig Jahren war er zu langsam für die gegnerischen, jungen Stürmer geworden.
Die Grübeleien an sein gescheitertes, ehemals wichtigstes Standbein, mit Karin eine Familie mit Kindern