1 Einleitung
Eine ‚neue Theologie‘ zu wollen bzw. zu konzipieren kann logischerweise nur dann funktionieren, wenn freie wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den theologischen Inhalten für zulässig erachtet wird. Daher sprechen die Vertreter:innen der ‚neuen Theologie‘ auch fast im selben Atemzug vom ‚theologischeniǧtihād‘ (al-iǧtihād al-kalāmī) oder dem ‚iǧtihād in den Grundlagen‘ (iǧtihād dar uṣūl). Sie plädieren also dafür, dass die Gelehrten – wie imfiqh (d.i. die Jurisprudenz) – auch in den theologischen Fragen bzw. Annahmen eigenständig denken und sich eigene Meinungen bilden sollen.1
Dabei ist der Ausdruck ‚iǧtihād in den Grundlagen‘ umfassender als ‚iǧtihād in der Theologie‘. Mit dem Ersteren ist die Praxis desiǧtihād in allen als definitiv angesehenen Vorstellungen, also in den theologischen Annahmen sowie in den normativen Bestimmungen wie etwa dem Gebot des Hidschabs und dem Verbot der Homosexualität gemeint. Der Letztere fokussiert speziell auf die theologischen Themen. Dennoch zielen die Gelehrten mit beiden Konzepten auf das Gleiche: die Praxis desiǧtihād auf definitive Fragen zu erweitern.
Im Großen und Ganzen for