PROLOG
An jenem Abend, an dem wir uns zum ersten Mal trafen, hinter der Bühne bei seiner Comedy-Show im Frühjahr 2019, wirkte Wolodymyr Selenskyj so verängstigt, wie ich ihn danach lange nicht mehr erleben würde. Es war nicht nur das Lampenfieber, das ihn vor Auftritten oft nervös machte. An jenem Abend schien er halb stumm vor Angst zu sein. Er hatte die Unterlippe zwischen die Zähne gepresst, den Blick auf den Boden gerichtet, ohne den Lärm und die Menschen um sich herum zu bemerken. Vor etwa drei Monaten hatte er sich um das Amt des Präsidenten der Ukraine beworben, und die Premiere seiner neuen Unterhaltungsshow sollte in weniger als einer Stunde beginnen. Selenskyj würde die Hauptrolle spielen, den Zirkusdirektor in seiner besonderen Art von Kabarett, und Millionen von Zuschauern würden die Sendung im Fernsehen verfolgen, seinem bevorzugten Medium.
Die guten Plätze für das Live-Event im Palast Ukrajina, einer der größten Veranstaltungshallen der Ukraine, kosteten mehr als ein durchschnittliches ukrainisches Monatseinkommen. Als ich eintraf, herrschte am Eingang Tumult. Nicht nur die High Society der Stadt stand vor den Metalldetektoren Schlange, sondern auch viele Rentner, Hipster und Büroangestellte, junge Paare, die sich einen teuren Abend gönnten, die gesamte Bandbreite der Mittelschicht, die seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion in der Ukraine entstanden war. Alle waren sie Fans von Selenskyj. Bald sollten sie seine Wähler werden.
Ganz vorne in der Menge stand eine seiner Medienberaterinnen, Olha Rudenko, die Selenskyj in jenem Sommer ins Parlament begleiten sollte. Sie zog mich durch die Tür und zeigte mir den Weg hinter die Bühne, wo die Darsteller bereits ihre Kostüme trugen. Einige kamen mir aus Filmen bekannt vor, aber es war schwer, in der Masse von Produzenten und Backgroundtänzern, den Schauspielern, die sich am Bühneneingang drängelten, den Maskenbildnern und Beleuchtern, dem Chor von Mädchen mit gekräuselten Haaren und weißen Kleidern, irgendjemanden zu erkennen. Die älteren Mitglieder der Truppe wussten, dass sie den Star vor der Show nicht stören durften. »Geben Sie ihm einen Augenblick«, sagte Rudenko, als sie sah, wie ich mich Selenskyj näherte. »Ich stelle Sie vor, wenn es vorbei ist.«
Er hatte viel im Kopf, viel mehr als nur die Veranstaltung des Abends. Früher am Tag hatte jemand eine Bombendrohung für die Aufführung hinterlassen.[1] Die anonyme Stimme am Telefon sagte, das Gebäude sei mit Sprengstoff präpariert, der mitten in der Vorstellung detonieren werde. Es klang wie ein Scherz, und Selenskyj riet seiner Truppe, nicht in Panik zu geraten. Höchstwahrscheinlich, so dachte er, war es ein Unterstützer einer der anderen Präsidentschaftskandidaten, der versuchte, seine große Premiere zu sabotieren. Dennoch waren die Veranstalter gesetzlich verpflichtet, Vorsichtsmaßnahmen zu treffen, und einige Polizeibeamte waren mit einer Hundestaffel gekommen, um die Garderobe und die Verkaufsstände zu durchsuchen. Sie fanden nichts Verdächtiges, aber die Polizisten rieten den Verantwortlichen trotzdem, die Vorstellung abzusagen. Am Nachmittag besprach sich Selenskyj mit dem Management des Hauses, und man beschloss weiterzumachen. Die Besucher wurden nicht einmal über die Gefahr aufgeklärt. Es waren mehr als dreitausend Menschen im Saal, genug, dass es zu einer Massenpanik gekommen wäre, wenn Selenskyj ihnen von der Bombendrohung berichtet hätte. Also tat er so, als wäre alles in Ordnung, und ließ sein Publikum die Vorstellung in Unkenntnis genießen.
Nicht einmal alle Darsteller waren sich der Gefahr bewusst. Während der Show saßen sie zwischen ihren Sketchen hinter der Bühne auf Kostümkoffern herum, aßen eine Kleinigkeit und stießen miteinander an. Eine Handvoll von ihnen arbeitete schon seit Jahrzehnten mit Selenskyj zusammen, und dies war die letzte große Show, bevor er bei den Wahlen von der Satire in die Politik wechselte wieAlice im Spiegelland. Sie wussten, dass er vielleicht nie mehr zurückkehren würde, und fragten sich, ob er sie ins Präsidialamt mitnähme. »Es ist nicht so, dass ich irgendeinen bestimmten Job will«, sagte einer der Komiker, Oleksandr Pikalow, nachdem er mir einen Schuss Whiskey in ein