: Michaela Glöckler, Johannes Greiner, David Martin, Michael Birnthaler, Wolfgang Streit, Christian Br
: Andreas Neider
: Können wir Jungen und Mädchen in gleicher Weise erziehen? Pädagogische Hilfen zum Verständnis der Geschlechter
: Books on Demand
: 9783756829989
: 1
: CHF 11.50
:
: Pädagogik
: German
: 186
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Welche Rolle spielt das Geschlecht der Kinder heute in der Erziehung? Einerseits verfließen die Grenzen, denn im Sozialen ist das Ziel ja eine absolute Gleichstellung und Gleichbehandlung in der Gesellschaft. Welche Rolle spielen natürliche und biologisch bedingte Unterschiede heute noch? Wie fördern wir als pädagogisch Tätige jedes Kind individuell unter Berücksichtigung seines Geschlechtes, und was brauchen Mädchen und Jungen, um sich individuell entwickeln zu können? Durch eine Lockerung der Beziehung des Geistig-Seelischen zum Physisch-Leiblichen treten vermehrt auch Fragen der Geschlechtsidentifikation auf, die sich nicht immer eindeutig beantworten lassen. Wie können wir als Erzieher*innen und Lehrer*innen darauf antworten? Viele die Geschlechterthematik betreffenden Fragen, auch die nach der Geschlechtsumwandlung, werden in diesem Band, der die Beiträge des Stuttgarter BildungsKongresses 2020 dokumentiert, aus der Sicht der Waldorfpädagogik dargestellt. Dr. med. Michaela Glöckler: Zur körperlichen, seelischen und geistigen Entwicklung von Mädchen und Jungen, von Mann und Frau Tatjana Ramazani und Dr. med. Wolfgang Streit: Von Prinzessinnen und Helden und ihren Wegen ins wirkliche Leben Michael Birnthaler: Was brauchen Jungen? Univ. Prof. Dr. med. David Martin: Wenn Mädchen Jungen werden wollen und umgekehrt - die Ebenen des Geschlechts Christian Breme: Das Kleid des Geschlechtes, und wenn es nicht passt - zu Fragen der Begleitung von genderfluiden und transidenten Kindern und Jugendlichen Katharina Binder und Elke Rüpke: Und wie viele Mamas hast du? Kinder aus Regenbogenfamilien im pädagogischen Kontext Johannes Greiner: Die Abgründe der Mädchen und der Jungen - Schlankheitswahn, Spielsucht und andere Phänomene tiefer betrachtet

Dr. med. Michaela Glöckler, 1946 in Stuttgart geboren. Besuch der Freien Waldorfschule. Studium der Geschichte und Germanistik in Freiburg und Heidelberg und der Medizin in Tübingen und Marburg. Fachärztliche Weiterbildung zur Kinder- und Jugendärztin am Gemeinschaftskrankenhaus in Herdecke und der Universitätsklinik in Bochum. Kinderund Waldorfschulärztliche Praxis. Von 1988 bis 2016 Leitung der Medizinischen Sektion am Goetheanum / Dornach / Schweiz. Vortragstätigkeit und Ärzteausbildung (IPMT) im In- und Ausland. Mitinitiantin der Alliance for Childhood und der Europäischen Allianz von Initiativen Angewandter Anthroposophie / ELIANT / www.eliant.eu. Zahlreiche Publikationen.

TATJANA RAMAZANI UND DR. MED. WOLFGANG STREIT


VON PRINZESSINNEN UND HELDEN UND
IHREN WEGEN INS WIRKLICHE LEBEN

Tatjana Ramazani: Herzlichen Dank für die Vorbereitung des Kongresses und die einführenden Worte. Auch Sie, liebe Tagungsteilnehmerinnen und Tagungsteilnehmer möchte ich nun herzlich willkommen heißen. Zu unserem Thema „Von Prinzessinnen und Helden und ihren wahren Wegen ins wirkliche Leben“.

Bevor wir nun auf das Phänomen der Verschiedenheit der Kinder zu sprechen kommen, möchten wir, Wolfgang Streit und ich, den folgenden Fragen nachlauschen. Was ist das Weibliche? Was ist das Männliche? Es ist bekannt, dass in den sozialen Berufen vor allem Frauen arbeiten. Ist dies tatsächlich so? Hierzu möchte ich im Vorwege eine kurze Abfrage machen. Wie viele weibliche Teilnehmerinnen sitzen heute im Saal? Wie viele männliche Teilnehmer sitzen heute im Saal? Sie sehen, das weibliche Geschlecht ist mehrheitlich anwesend! Bedeutet dies, dass Erziehung immer noch in der Hand der Frau liegt? Überrascht Sie das? Wir werden später darauf zu sprechen kommen.

Seit den 1970er-Jahren kämpft die feministische Bewegung für die Gleichberechtigung der Frau. Damals ging es darum, die üblichen Klischees von Frauen zurückzuweisen. Hierbei war die Gefahr, die Frau dem Mann anzupassen. Verloren ging die Betonung der Eigenheit und des Andersseins. Heute geht es in der Frauenbewegung und in der sogenannten Metoo-Debatte darum, sexuelle Belästigungen abzuwenden und diesen entgegenzutreten. Gleiche Rechte für Männer und für Frauen, für Frauen und für Männer zu fordern und die Eigenheit der Frau zu unterstreichen. Ich erlebe, dass die Rollen einer Frau vielfältig sind. Es ist ein Pendeln zwischen Mutter und Muse oder Geliebter, Berufstätiger und Femme fatale. In Halle hat dies eine Kunstausstellung über die Frau in den Zwanzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts noch bis Februar zum Thema – damals wie heute, wie ich meine, hoch aktuell. Meiner Meinung nach ist die Liste sogar noch beliebig zu erweitern. Und unsere Zeit hat die Rollen, die Rollenbilder der Geschlechter ins Wanken gebracht. Unsere Gesellschaft, unser Zeitgeist fordert unglaublich viel; alles ist möglich, alle sollen alles können und geben. Es mag extrem erscheinen, die Tendenz steigert sich jedoch. Die Frau und Mutter, die unter der Woche beruflich durch die Welt jettet, und der Mann und Vater, der Elternzeit hat und sich vorwiegend um die Kinder kümmert. Die entsprechenden Frauen werden auch noch häufig als karrieresüchtige Rabenmütter verschrien, auch die Väter als „nur Hausmänner“ müssen sich erklären. Vor etwa 20 Jahren, nach der Geburt meiner eigenen beiden Söhne, als ich mich bewusst dazu entschloss, neben der umfangreichen Arbeit im Kinderheim mich vorwiegend um die Familie zu kümmern, musste ich mich rechtfertigen und wurde verständnislos beäugt. Frauen reiben sich heute auf zwischen dem Muttersein und all den anderen Möglichkeiten. Ich erlebe dies als eine Zerreißprobe für die Eltern, und dazwischen steht das Kind. Berufstätigkeit aller – ja! –, wenn dafür gesorgt wird