Tatjana Ramazani: Herzlichen Dank für die Vorbereitung des Kongresses und die einführenden Worte. Auch Sie, liebe Tagungsteilnehmerinnen und Tagungsteilnehmer möchte ich nun herzlich willkommen heißen. Zu unserem Thema „Von Prinzessinnen und Helden und ihren wahren Wegen ins wirkliche Leben“.
Bevor wir nun auf das Phänomen der Verschiedenheit der Kinder zu sprechen kommen, möchten wir, Wolfgang Streit und ich, den folgenden Fragen nachlauschen. Was ist das Weibliche? Was ist das Männliche? Es ist bekannt, dass in den sozialen Berufen vor allem Frauen arbeiten. Ist dies tatsächlich so? Hierzu möchte ich im Vorwege eine kurze Abfrage machen. Wie viele weibliche Teilnehmerinnen sitzen heute im Saal? Wie viele männliche Teilnehmer sitzen heute im Saal? Sie sehen, das weibliche Geschlecht ist mehrheitlich anwesend! Bedeutet dies, dass Erziehung immer noch in der Hand der Frau liegt? Überrascht Sie das? Wir werden später darauf zu sprechen kommen.
Seit den 1970er-Jahren kämpft die feministische Bewegung für die Gleichberechtigung der Frau. Damals ging es darum, die üblichen Klischees von Frauen zurückzuweisen. Hierbei war die Gefahr, die Frau dem Mann anzupassen. Verloren ging die Betonung der Eigenheit und des Andersseins. Heute geht es in der Frauenbewegung und in der sogenannten Metoo-Debatte darum, sexuelle Belästigungen abzuwenden und diesen entgegenzutreten. Gleiche Rechte für Männer und für Frauen, für Frauen und für Männer zu fordern und die Eigenheit der Frau zu unterstreichen. Ich erlebe, dass die Rollen einer Frau vielfältig sind. Es ist ein Pendeln zwischen Mutter und Muse oder Geliebter, Berufstätiger und Femme fatale. In Halle hat dies eine Kunstausstellung über die Frau in den Zwanzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts noch bis Februar zum Thema – damals wie heute, wie ich meine, hoch aktuell. Meiner Meinung nach ist die Liste sogar noch beliebig zu erweitern. Und unsere Zeit hat die Rollen, die Rollenbilder der Geschlechter ins Wanken gebracht. Unsere Gesellschaft, unser Zeitgeist fordert unglaublich viel; alles ist möglich, alle sollen alles können und geben. Es mag extrem erscheinen, die Tendenz steigert sich jedoch. Die Frau und Mutter, die unter der Woche beruflich durch die Welt jettet, und der Mann und Vater, der Elternzeit hat und sich vorwiegend um die Kinder kümmert. Die entsprechenden Frauen werden auch noch häufig als karrieresüchtige Rabenmütter verschrien, auch die Väter als „nur Hausmänner“ müssen sich erklären. Vor etwa 20 Jahren, nach der Geburt meiner eigenen beiden Söhne, als ich mich bewusst dazu entschloss, neben der umfangreichen Arbeit im Kinderheim mich vorwiegend um die Familie zu kümmern, musste ich mich rechtfertigen und wurde verständnislos beäugt. Frauen reiben sich heute auf zwischen dem Muttersein und all den anderen Möglichkeiten. Ich erlebe dies als eine Zerreißprobe für die Eltern, und dazwischen steht das Kind. Berufstätigkeit aller – ja! –, wenn dafür gesorgt wird