1.1 Neugriechische Literatur im Rahmen des sowjetischen Übersetzungsprojekts
Im vorrevolutionären Russland des zwanzigsten Jahrhunderts wird vereinzeltes Interesse an der Vermittlung neugriechischer Literatur festgestellt,17 es existiert dennoch keine sich im Verlagswesen dieser Zeit widerspiegelnde systematische Auseinandersetzung, was sich auch in der frühen Sowjetzeit nicht ändert.18 Gleich nach der Oktoberrevolution beginnt in der bereits errichteten Sowjetunion ein groß angelegtes Konkurrenzprojekt zur Etablierung von Weltliteratur. Das ambitionierte riesige VerlagsprojektVsemirnaja Literatura (1918–1924) verkörpert Gor’kijs sowohl romantische als auch ideologisch motivierte Vision von Weltliteratur, die einen Moment des Revolutionären in die Auffassung von Weltliteratur einbringt (Khotimsky 2013, 137). Die Übersetzung neugriechischer Literatur wird in Form einer Absichtserklärung im Publikationskatalog des Verlags deklariert,19 hat jedoch im Gegensatz zur Literatur aus Ländern mit langer Übersetzungstradition (wie Großbritannien, Frankreich und Deutschland) in Russland niedrige Priorität und wird während der kurzen Lebenszeit des Verlags nicht realisiert. Die Geschichte der russischen Übersetzungen neugriechischer Literatur in der UdSSR beginnt mit der griechischen Teilnahme am 1. Allunionskongress der sowjetischen Schriftsteller im Jahr 1934. In der Eröffnungsrede Gor’kijs findet sich eine ideologisch aufgefasste Vorstellung von Weltliteratur wieder: „Die bisher verstreute Literatur aller unserer Völkerschaften zeigt sich im Angesicht des revolutionären Proletariats aller Länder und der mit uns befreundeten revolutionären Literaten als einheitliches Ganzes“ (Gor’kij 1934, 1). Als revolutionäre Aspekte werden in den Werken etablierter klassischer Weltliteratur Konflikte oder Brüche mit dem herrschenden Establishment auf der thematischen Ebene verstanden. Diese dienen jeweils als Selektionskriterium und ideologische Rechtfertigung für deren Übersetzung (Khotimsky 2013, 146 f.) und somit auch deren Annahme als legitime Literaturtradition. Im Rahmen des 1. Allunionskongresses wird das revolutionäre Element in Form des sozialistischen Realismus, der die Wirklichkeit „in ihrer revolutionären Entwicklung“20 abbilden soll, als literarische Darstellungsart gefestigt und damit zum definitorischen Faktor der Etablierung einer zukünftigen proletarischen Weltliteratur gemacht. Griechenland wird im Allunionskongress durch den Philosophen und Pädagogen Dimitris Glinos und den Dichter Kostas Varnalis vertreten. Glinos verkündet in seiner Rede die Bereitschaft des „kleinen“ Griechenlands nicht als „Erbe der antiken Zivilisation, die durch das Porträt eines seiner klassischen Schriftsteller im Konferenzsaal vertreten wird“, sondern als Land, in dem „auch ein Kampf […] für die gemeinsame Sache geführt wird“ (1934, 644) an der Erschaffung der neuen sozialistischen Literatur zu partizipieren. Eine „engere Zusammenarbeit“ und „tiefere Kenntnis der Erfolge der proletarischen Literatur und des sozialistischen Aufbaus“ soll ihm zufolge das Ergebnis der griechischen Teilnahme am