: Hendrik Böttcher
: Die Atempause Das wirtschaftspolitische Sofortprogramm der Wende von 1982
: De Gruyter Oldenbourg
: 9783111005232
: Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte. BeihefteISSN
: 1
: CHF 115.10
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: Geschichte
: German
: 386
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB

Im Herbst 1982 zerbrach Helmut Schmidts sozialliberale Koalition nicht zuletzt an einer der bis dahin stärksten wirtschaftlichen Verwerfungen in der Geschichte der Bundesrepublik. Bis zu den Bundestagswahlen im Frühjahr des folgenden Jahres erarbeitete ein neues Bündnis aus Union und FDP unter hohem Zeitdruck ein wirtschaftspolitisches Sofortprogramm.

Dieser Auftakt der 'Ära Kohl' ist trotz seiner historischen Bedeutung bisher nur unzureichend erforscht. In dieser Publikation wird diese Lücke auf Grundlage einer unerreicht umfassenden Quellenbasis geschlossen. Inhaltlich stehen die Fragen im Mittelpunkt, welche wirtschaftspolitischen Maßnahmen man 1982 diskutierte, beschloss oder verwarf, welche Interessen und Verhandlungsprozesse diesen Entscheidungen zu Grunde lagen und welche Bedeutung insbesondere die Aspekte der Konsolidierungs- und Angebotspolitik sowie der sozialen Balance im Sofortprogramm hatten.

Dabei wird deutlich, wie sehr sich die besondere Lage und parteipolitische Konstellation zwischen Regierungswechsel und Neuwahlen auf die Wirtschaftspolitik im Übergang von Schmidt zu Kohl auswirkte.



Hendrik Böttcher, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universitä Bonn, Bonn.

2 Das sozialdemokratische Jahrzehnt


Um die Wirtschaftspolitik der Wende von 1982 und ihre Hintergründe vollständig verstehen zu können, ist ein Blick auf die vorangegangenen Jahre unerlässlich. Im Folgenden werden daher zunächst die Wirtschaftspolitik der sozialliberalen Koalition, dann die Entwicklungen in den sie bestimmenden Parteien und schließlich die politische Wende von 1982 selbst beleuchtet.

2.1 Die Wirtschaftspolitik von Willy Brandt zu Helmut Schmidt


Als Willy Brandt am 21. Oktober 1969 zum Kanzler gewählt wurde, befand sich die Bundesrepublik in einer Phase des Umbruchs. Nach dem kurzen Intermezzo der großen Koalition unter Kurt Georg Kiesinger war die SPD ein Bündnis mit der FDP eingegangen. Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik stellte die Union damit nicht mehr den Kanzler. In der Regierungserklärung zu Beginn seiner ersten Amtszeit kündigte Brandt an,„mehr Demokratie wagen“1 und die Bevölkerung in einen tiefgreifenden gesellschaftlichen Reformprozess einbinden zu wollen.2 Helmut Schmidt, neben Brandt und Herbert Wehner einer der einflussreichsten Sozialdemokraten, bekam das Amt des Verteidigungsministers. Zum Kanzleramtschef machte Willy Brandt seinen Vertrauten Horst Ehmke, Wirtschaftsminister blieb der bisherige Ressortchef Karl Schiller.3 Trotz eines angespannten Verhältnisses zwischen Koalition und Opposition verlief die Regierungsarbeit in den ersten Jahren alles in allem erfolgreich. Insbesondere die zügige Verbesserung des Verhältnisses zum Ostblock steigerte Brandts Ansehen erheblich.4

Zu Beginn der Regierungszeit Willy Brandts etablierte sich außerdem ein neuer Kurs in der Wirtschaftspolitik, der bereits zur Zeit der großen Koalition erste Erfolge gezeigt hatte und dessen Voraussetzungen schon seit Beginn der 1960er Jahre schrittweise geschaffen worden waren. Eine immer besser arbeitende Verwaltung schien mittlerweile präzise wissenschaftliche Vorhersagen über die ökonomische Entwicklung zu ermöglichen. Die vorangegangenen Regierungen hatten diesen Ausbau der Analysemöglichkeiten gezielt gefördert. So war etwa 1963