: Charles Dickens
: Klein Dorrit. Band Drei Roman in vier Bänden (Illustrierte Fassung)
: apebook Verlag
: 9783961305339
: 1
: CHF 2.70
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: Erzählende Literatur
: German
In London lebt William Dorrit, der als Schuldner inhaftiert ist, seit über zwanzig Jahren im Schuldnergefängnis Marshalsea. Er hat drei Kinder: Edward (bekannt als Tip), Fanny und Amy. Die jüngste Tochter, Amy, wurde im Gefängnis geboren und wird liebevoll Klein-Dorrit genannt. Ihre Mutter starb, als Amy acht Jahre alt war. Tip wurde vor kurzem wegen seiner eigenen Spielschulden inhaftiert, und die ehrgeizige Fanny lebt außerhalb des Gefängnisses bei Williams älterem Bruder Frederick. Sie arbeitet als Tänzerin in der Musikhalle, in der Frederick Klarinette spielt, und hat die Aufmerksamkeit des wohlhabenden, aber faden Edmund Sparkler auf sich gezogen. Die kleine Dorrit, die ihrem Vater treu ergeben ist, unterstützt die beiden durch ihre Näharbeiten und kann frei im Gefängnis ein- und ausgehen. Zur Ehre ihres Vaters, dem es peinlich ist, seine finanzielle Lage anzuerkennen, vermeidet Klein-Dorrit es, ihre Arbeit außerhalb des Gefängnisses oder seine Unfähigkeit, es zu verlassen, zu erwähnen. Mr. Dorrit übernimmt die Rolle des Vaters des Marshalsea und wird von den Bewohnern mit großem Respekt behandelt, als hätte er es sich ausgesucht, dort zu leben. Dies ist der dritte von vier illustrierten Bänden.

Zweites Kapitel.


 

Mrs. General.


 

Es ist unerläßlich, die vollendete Dame vorzustellen, die bedeutend genug im Gefolge der Familie Dorrit war, um ihre eigne Linie im Fremdenbuch zu haben.

Mrs. General war die Tochter eines geistlichen Würdenträgers an einem Bischofssitz, wo sie den Ton angegeben, bis sie so nahe an fünfundvierzig war, wie es eine einzelne Dame sein kann. Ein steifer Kommissariatsbeamter von sechzig Jahren, bekannt als ein Mann, der auf strenge Zucht hielt, verliebte sich zu dieser Zeit in die Anstandsgefühle, die sie vierspännig durch die Bischofsstadt kutschierte, und hatte darum angehalten, neben ihr seinen Sitz auf dem Zeremonienwagen nehmen zu dürfen, an den dieses Gespann geschirrt war. Nachdem sein Heiratsantrag von der Dame angenommen worden, nahm der Beamte seinen Sitz hinter den Anstandsgefühlen mit großer Ehrbarkeit ein, und Mrs. General lenkte die Zügel, bis er starb. Im Verlauf ihrer gemeinsamen Reisen überfuhren sie verschiedene Leute, die den Anstandsgefühlen in den Weg kamen; aber immer großartig und mit äußerster Ruhe.

Nachdem der Kommissariatsbeamte mit allem dem Dienst entsprechenden Aufwande begraben worden (das ganze Gespann von Anstandsgefühlen war an seinen Leichenwagen geschirrt, und sie hatten alle Federn und schwarze Samtschabracken mit seinem Wappenschild in der Ecke), begann Mrs. General nachzuprüfen, welche Masse Staub und Asche bei den Bankiers deponiert sei. Es wurde ruchbar, daß der Kommissariatsbeamte in der Stille Mrs. General zuvorgekommen und sich einige Jahre vor der Hochzeit eine Leibrente gekauft, welchen Umstand er verschwiegen hatte, indem er zur Zeit seiner Bewerbung vorgab, sein Einkommen datiere von den Zinsen seines Vermögens. Mrs. General sah infolgedessen ihre Mittel so verringert, daß, wenn sie nicht mit ihrem Verstande sehr im reinen gewesen, sie sich hätte veranlaßt fühlen können, die Richtigkeit des Teiles der Leichenrede zu bezweifeln, der behauptete, der Kommissariatsbeamte könne nichts mit sich hinübernehmen.

In dieser Lage kam Mrs. General auf den Gedanken, sie wolle sich der »Geistesbildung« und gesellschaftlichen Erziehung einer jungen vornehmen Dame widmen. Oder auch die Anstandsgefühle an den Wagen einer reichen jungen Erbin oder einer Witwe schirren und zu gleicher Zeit Kutscher und Schaffner eines solchen Fuhrwerks durch die sozialen Irrgänge werden. Die Mitteilung, die Mrs. General ihren geistlichen und kommissariatlichen Bekanntschaften von dieser Idee machte, fand so warmen Beifall, daß, wenn die Verdienste der Dame nicht so außer allem Zweifel gestanden hätten, die Vermutung nahegelegen wäre, man wolle sie los werden. Zeugnisse, die Mrs. General als ein Wunder von Frömmigkeit, Gelehrsamkeit, Tugend und feiner Lebensart schilderten, wurden von einflußreichen Quartieren verschwenderisch beigesteuert, und ein ehrwürdiger Archidiakon vergoß sogar Tränen, wenn er an sein Zeugnis über die Vollkommenheiten (die ihm von Leuten, auf die er sich verlassen konnte, geschildert wurden) dachte, obgleich er nie in seinem ganzen Leben die Ehre und den sittlichen Genuß gehabt, seine Blicke auf Mrs. General ruhen zu lassen.

So gleichsam von Kirche und Staat zu ihrer Mission beordert, fühlte sich Mrs. General, die immer auf vornehmem Boden gewandelt, in der Lage, diesen zu behaupten, und begann damit, ein sehr stolzes Gesicht zur Schau zu tragen. Es trat eine Zwischenzeit von einiger Dauer ein, während der nicht a