: André Gide
: Die enge Pforte
: OTB eBook publishing
: 9783987445750
: Classics To Go
: 1
: CHF 1.80
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: Belletristik
: German
: 112
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Die enge Pforte ist ein Roman von André Gide, der 1909 unter dem Titel La Porte étroite in der Literaturzeitschrift Mercure de France in Paris erschien. Jérôme erzählt die Geschichte seiner unglücklichen Liebe zu Alissa Bucolin. Vautier hatte das Findelkind Lucile ? eine Kreolin ? aus Martinique mit nach Le Havre gebracht. Jérômes Onkel Bucolin heiratete Lucile, als das leichtsinnige junge Mädchen 16 Jahre alt geworden war ? sehr zur Freude des Pastors. Verständlich ? entsprach doch der Lebenswandel Luciles überhaupt nicht den Moralvorstellungen der christlichen Kirche. Auch nach ihrer Heirat richtete Lucile in der Familie Bucolin ?viel Unheil? an. Als Mutter von drei Kindern ? das waren Jérômes Cousinen Alissa und Juliette sowie der Cousin Robert ? ließ sie von ihren Seitensprüngen nicht ab...

I.


Andere hätten ein Buch daraus machen können; aber die Geschichte, die ich hier erzähle, habe ich mit meiner ganzen Kraft gelebt, und meine Tugend hat sich in ihr verbraucht. Ich werde also ganz einfach meine Erinnerungen niederschreiben, und wenn sie stellenweise in Fetzen gegangen sind, so werde ich zu keiner Erfindungskraft greifen, um sie zusammenzustücken oder zu verbinden; die Mühe, die ich auf ihre Zurüstung verwenden müßte, würde die letzte Freude schmälern, die ich mir durch den einfachen Bericht verspreche.

Ich war noch nicht zwölf Jahre alt, als ich meinen Vater verlor. Meine Mutter, die nichts mehr in Le Havre zurückhielt, wo mein Vater Arzt gewesen war, beschloß, nach Paris zu ziehen, da sie glaubte, ich würde dort meine Studien besser abschließen können. Sie mietete in der Nähe des Luxembourg eine kleine Wohnung, die Miß Ashburton mit uns teilen wollte. Miß Flora Ashburton, die keine Familie mehr hatte, war ursprünglich die Gouvernante meiner Mutter gewesen; dann ihre Gesellschafterin und bald auch ihre Freundin. Ich lebte bei diesen beiden Frauen mit dem gleichermaßen sanften und traurigen Ausdruck. Eines Tages, ich glaube, es war ziemlich lange nach dem Tode meines Vaters, tat meine Mutter an die Stelle des schwarzen Bandes ihrer Morgenhaube ein malvenfarbiges Band.

»O Mama!« rief ich naiv aus; »wie schlecht dir diese Farbe steht!«

Am folgenden Morgen trug sie wieder ein schwarzes Band.

Meine Gesundheit war zart. Wenn die Pflege meiner Mutter und Miß Ashburtons, deren ganze Sorge es war, jeder Ermattung bei mir zuvorzukommen, keinen Faulpelz aus mir gemacht hat, so liegt es daran, daß ich wirklich Geschmack an der Arbeit finde. Kaum sind die ersten schönen Tage da, so überreden sie einander, daß es für mich Zeit ist, die Stadt zu verlassen, daß ich dort bleich werde; um Mitte Juni brechen wir nach Fongueusemare in der Umgegend von Le Havre auf, wo wir alljährlich bei meinem Onkel Bucolin zu Gast sind.

In einem nicht sehr großen, nicht sehr schönen Garten, den nichts eigentlich Besonderes von einer Fülle anderer normannischer Gärten unterscheidet, gleicht dieses weiße, zweistöckige Haus der Bucolins vielen Landhäusern des letzten Jahrhunderts. Es öffnet sich mit etwa zwanzig großen Fenstern gen Osten auf den Vorgarten; mit gleich vielen nach hinten; seitlich hat es gar keine. Die Fenster bestehen aus kleinen Scheiben; einige sind jüngst erneuert und scheinen zu hell neben den alten, die in ihrer Nähe grün und trüb aussehen. Manche haben Fehler, die unsere Verwandten »Blasen« nennen; der Baum, den man durch diese sieht, wird schlottrig; wenn der Briefbote vorübergeht, bekommt er jählings einen Buckel.

Der rechteckige Garten ist von Mauern umgeben. Er bildet vor dem Hause eine ziemlich kleine, bescha