Erstes Kapitel
Die erste Stunde nach Mitternacht schlug, als Polaniecki sich seinem Ziele, dem Gute Krzemien, näherte. In seiner Kinderzeit war er häufig auf diesem Landsitze gewesen, hatte ihn doch seine Mutter, eine entfernte Verwandte der ersten Frau des jetzigen Besitzers von Krzemien, zweimal jährlich während der Ferien mit dahin genommen. Polaniecki strengte sich vergebens an, die verschiedenen Plätze wiederzuerkennen, an denen er vorüberkam. Das war nicht möglich. Des Nachts, beim Mondschein, hatte alles ein verändertes Aussehen. Auf dem Laubwerk, auf den Wiesen, auf den Erdschollen, allüberall lag ein dichter weißer Dunst, so daß die ganze Gegend einem unermeßlichen See glich. Das Gequake der Frösche, das aus diesem Nebelmeer hervortönte, machte die Täuschung noch glaubwürdiger. Es war eine schöne, heitere Julinacht. Sobald die Frösche verstummten, ertönte der Schlag der Wachteln, und aus der Ferne, aus dem in dem Erlengehölz verborgenen sumpfigen Teich, erklang, als ob er aus der Erde käme, der Ruf der Rohrdommel.
Polaniecki vermochte sich dem Zauber dieser Nacht nicht zu entziehen. Wie wohl that ihm alles! Er empfand es um so mehr, daß er auf heimatlicher Erde weilte, als er noch nicht lange aus der Fremde zurückgekehrt war, wo er seine Jünglings- und ersten Mannesjahre verbracht und sich vornehmlich dem Handel gewidmet hatte. Jetzt, als er in das schlafende Dorf einfuhr, trat ihm die eigene Kindheit und die Gestalt der Mutter, die vor fünf Jahren gestorben war, lebhaft in die Erinnerung, und all die kleinen Sorgen der Jugend, wie bedeutungslos erschienen sie ihm im Vergleich mit denen der Gegenwart.
Langsam fuhr die Britschka dem Dorfe zu, an einem auf einem kleinen Hügel stehenden Kreuz vorbei, das völlig morsch zusammenzufallen drohte.
Bei dem Kruzifix begannen die ersten Hütten. Aber die Insassen schliefen. In keinem der Fenster war noch Licht. Wohin das Auge fiel, schimmerten nur die von dem Monde beleuchteten Dächer der Bauernhäuser grau und silbern durch die Nacht, oder einige der Hütten, die mit Kalk beworfen waren, glänzten goldgelb durch die Bäume, andre dagegen lagen versteckt in kleinen Baumgärten, in einem Wald von Sonnenblumen oder zwischen an Stangen emporrankenden, türkischen Bohnen und machten sich in der Dunkelheit kaum bemerklich.
Die Britschka, die sich langsam auf dem sandigen Wege weiterbewegte, bog schließlich in eine dunkle Allee ein. Am Ausgang dieser Allee lag ein weiß schimmerndes Gebäude, dessen Fenster teilweise erleuchtet waren und vor dem die Nachtwächter tuteten. Als die Britschka vor das Thor rasselte, kam ein Diener aus dem Hause herbeigeeilt, nahm rasch die kleinen Gepäckstücke Polanieckis aus der Britschka und führte ihn dann in das Speisezimmer, wo der Thee für ihn bereitet war. Nichts hatte sich hier verändert. Seit er sich erinnern konnte, sah das Zimmer so aus, wie es jetzt war. Die eine Wand wurde von einem Büffet aus Nußbaumholz und einer Kuckucksuhr mit schweren Gewichten