: Anton Ohorn
: Das Buch vom eisernen Kanzler, Eine Erzählung für Deutschlands Jugend
: OTB eBook publishing
: 9783987448720
: Classics To Go
: 1
: CHF 1.80
:
: Belletristik
: German
: 208
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Auszug: Ein lachender Sommertag! Weiße Wölkchen schwimmen langsam über den blauen Grund des Himmels und spiegeln sich in dem glitzernden Teiche. Leise rauscht das Röhricht an dessen Ufersaum, und in den Kronen der alten Bäume ringsumher im Park flüstert es wie von Geschichten vergangener Tage. Und die stattlichen Rüstern und Linden wissen wohl viel zu erzählen von lustigen Festen und von ernster Zeit, zumal erst sechs bis sieben Jahre entschwunden sind seit den glorreichen Befreiungskriegen und der mutigen Erhebung des ganzen deutschen Volkes, die ihre Wellen auch ins Pommernland und an die Mauern des freundlichen Herrensitzes Kniephof, der sich zurzeit im Besitze des Herrn Ferdinand von Bismarck befand, getragen hatte. Heute ist Friede im Lande, und die alten Wunden fangen langsam zu vernarben an.


Erstes Kapitel.
Sorglose Jugend.


Ein lachender Sommertag! Weiße Wölkchen schwimmen langsam über den blauen Grund des Himmels und spiegeln sich in dem glitzernden Teiche. Leise rauscht das Röhricht an dessen Ufersaum, und in den Kronen der alten Bäume ringsumher im Park flüstert es wie von Geschichten vergangener Tage. Und die stattlichen Rüstern und Linden wissen wohl viel zu erzählen von lustigen Festen und von ernster Zeit, zumal erst sechs bis sieben Jahre entschwunden sind seit den glorreichen Befreiungskriegen und der mutigen Erhebung des ganzen deutschen Volkes, die ihre Wellen auch ins Pommernland und an die Mauern des freundlichen HerrensitzesKniephof, der sich zurzeit im Besitze des HerrnFerdinand von Bismarck befand, getragen hatte.

Heute ist Friede im Lande, und die alten Wunden fangen langsam zu vernarben an.

Zwischen den grünen Bäumen sieht das Schlößchen hervor, schlicht, mit Holzfachwerk, aber traulich und behaglich. Aus dem Eingang tritt ein Knabe, fünfjährig, schlank, mit blondem, leicht gelocktem Haar, und schaut mit hellen, blauen Augen in die Welt. In dem frischen Gesichte ist Lebenslust und Tatendrang zu lesen. Er sieht hinauf nach dem heiteren Himmel, hinüber nach den grünen Bäumen des Parks, steckt die Hände in die Taschen und steht nun breitbeinig da, offenbar in der Überlegung, woran er im Augenblicke seine junge Kraft am besten erproben könne.

Da kam ein Knecht.

»Jochem, wohin?« rief der Kleine.

»Der Fuchs muß ein neues Eisen haben!« sagte der Angeredete in behaglichem Platt.

»Da geh’ ich mit!« jauchzte das Bürschlein, offenbar erfreut über den Fingerzeig des Schicksals, und nun trabte er lustig neben dem Manne her nach dem Wirtschaftshofe und in den Stall. Der Fuchs wurde herausgeholt. »Jochem, setz mich drauf!« gebot der Kleine, und der Knecht hob ihn auf den breiten Rücken des Tieres, über welchen die kurzen Beinchen des Reiters kaum wegreichten. Daß der Mann das Pferd am Halfter führte, duldete das Bürschchen nicht, er mußte es frei gehen lassen, und der Kleine hielt sich an der Mähne und suchte nun durch Zuruf den Ackergaul zu einem rascheren Tritt zu bringen, was ihm aber nicht gelang.

Beim Schmied hob ihn der Knecht wieder ab, und nun stellte er sich so, daß er die glühende Esse und den Amboß sah. Die jungen Augen blitzten vor Lust, wenn unter den Hammerschlägen des Meisters die Funken sprühten, und am liebsten hätte er selbst zu dem verrußten Werkzeug gegriffen und mitgeholfen, denn er ahmte unwillkürlich die Bewegungen des Schmiedes nach. Aber nicht lange hielt er aus, dann schlenderte er, die Hände in den Taschen, weiter, hinaus ins Freie. Die Wiesen, reif zum Gemähtwerden, standen voll saftigen Grases und im bunten Blütenschmuck. An ihnen hinstreifend, pflückte er Blumen,