1.
– Da ist nun Kiew!
So rief ein junger Mann, Joseph Schwarz mit Namen, als er in die altertümliche Stadt einfahrend, von den Formalitäten am Stadtthor erweckt, sich unverhofft inmitten der Straßen und der städtischen Baulichkeiten erblickt. Das Herz zuckte ihm freudig: – er war jung, lebenslustig, sog also so viel er vermochte die frische Luft in die breiten Lungenflügel und wiederholte mit heiterm Lächeln:
– Da ist nun Kiew!
Die Judenbudka rollte langsam dahin, an jeden hervorragenden Stein anstoßend. Es langweilte Schwarz, länger unter dem Leinwanddache zu hocken. Er befahl also dem Juden nach dem nächstliegenden Gasthofe zu fahren Und ging selbst neben dem Wagen zu Fuß – Eine Menge Leute strömten, wie das gewöhnlich in der Stadt der Fall ist, nach allen Richtungen dahin, die Läden glänzten mit ihren Ausstellungen, Wagen aller Art rollten einander ausweichend die Straßen entlang, Kaufleute, Generäle, Soldaten, Bettler, Mönche glitten rasch vor den Augen des Ankömmlings dahin. Es war ein Markttag, die Stadt hatte also das derartigen Sammelplätzen eigentümliche Aussehen angenommen. Da war nichts umsonst: keine Bewegung, kein Wort ward hier verschwendet. Der Kaufmann jagte seinem Geschäft, der Beamte seinen Funktionen, der Bösewicht dem Betruge nach, alles hatte ein ausgesprochenes Ziel vor Augen, jeder stieß gleichsam das Leben vor sich hin, an morgen denkend, nach etwas strebend ... und über all dieses Stoßen und Treiben, Sausen und Brausen erhob sich eine brennende Atmosphäre, und die Sonne spiegelte sich eben in den blendenden Scheiben der Paläste wie in dem ersten besten Fensterchen.
– Das ist ja ein wahrer Sturm! – dachte Schwarz, der noch nie in Kiew, ja in keiner einzigen großen Stadt gewesen war. – Das nenne ich Leben!
Er begann zu reflektieren über den himmelweiten Unterschied zwischen dem engen Leben in einem kleinen Städtchen und dem weiten Wirkungskreise in einer großen Stadt. Da entriss ihn eine ihm wohlbekannte Stimme seinen Reflexionen:
– Bei Gott! Joseph!
Schwarz blickte um sich, betrachtete eine kleine Weile den Menschen, der ihn beim Namen gerufen, breitete zuletzt die Arme aus und rief:
– Bei Gott! Gustav!
Gustav war ein hagerer, kleiner Mann von ungefähr dreiundzwanzig Jahren; lange, fast bis an die Schultern reichende, kastanienbraune Haare, ein rötlicher hart am Munde gestutzter Schnurrbart ließen ihn älter erscheinen, als er in der Tat war.
– Wie geht's dir, Joseph! Weshalb bist du hergekommen? – Zur Universität? Nicht wahr?
– Ja wohl.
– Ganz recht. – Das Leben ist gar elend ohne das Wissen, – sprach Gustav schnaufend. Welche Fakultät gedenkst du zu besuchen – he?
– Ich weißes noch n