Kapitel 2
Venedig; Dienstag, 18. Januar 1774; am Tag von Sankt Prisca, Faustina und Liberata; nach Einbruch der Dunkelheit – und schon wieder auf dem Wasser
Das einzig Ärgerliche, wirklich Ärgerliche an der Stadt war, dass man für so gut wie alle Wege ein Boot brauchte. Der Palazzo Balbi besaß zwar wie die meisten Häuser auf seiner Rückseite einen Ausgang, der auf eine Gasse hinausführte. Doch Jans Wege hatten ihn bei früheren Besuchen in Venedig seltsamerweise nie in den Sestiere Polo geführt, und er war etwas unsicher, wie es hinter dem Quartier weiterging, das er dieses Mal für sich und seinen Prinzen gewählt hatte. Er fragte den Majordomo.
»Genau genommen gehört der Palazzo Balbi noch zu Dorsoduro, Messer.« Der alte Mann, der Jans Domänennamen Burgk nicht aussprechen konnte, verbeugte sich. »Wenngleich unser Haus natürlich ganz an der Grenze steht. Wie Ihr vielleicht wisst, fließt an unserer Ostmauer der Rio de la Frescada, der den Sestiere Dorsoduro von Polo trennt. Wenn Ihr dies wünscht, könnt Ihr aber den Rialto von hier auch durch die Gassen erreichen. Es gilt nur den Rio San Tomá, dann den Rio di San Polo, den Madoneta und den di Meloni zu queren. In einer Sänfte vielleicht?«
Bei Jans Länge? Er schüttelte den Kopf.
»Sehr wohl, Messer.« Der Majordomo verneigte sich erneut. »Doch verzeiht, Messer, bei allem Respekt, es wäre Euch vielleicht doch angenehmer, den Traghetto am Rio San Tomá zu nehmen und Euch über den Canal Grande nach dem Sestiere Marco übersetzen zu lassen.«
Jan unterdrückte ein Seufzen. Natürlich, er hätte daran denken sollen. Nur Gesinde und einfache Reisende gingen in Venedig zu Fuß. Für den angeblichen Grafen von Weesenstein kam das keinesfalls in Frage. Es war undenkbar. Im Grunde durfte es sich nicht einmal Jan Stolnik von Burgk erlauben, der Reisemarschall und Freund des besagten Grafen. Und schon gar nicht, wenn er seinen inkognito reisenden Prinzen zu einem Fest begleitete.
Also verließen sie das Haus der Familie Balbi am ersten Knick des Canal Grande aufs höflichste vom Majordomo verabschiedet und den Sitten der Vornehmen gemäß: durch das Hauptportal und mit dem Boot.
Das Wasser stand wie immer im Winter hoch, doch es schwappte Gott sei Dank wenigstens nicht bis in die Häuser hinein. Sie mussten sogar noch die Unbequemlichkeit auf sich nehmen, aus dem Wassergeschoss des Palazzo zwei Stufen bis zum Bootsanleger der Familie Balbi hinabzugehen.
»Haltung, Jan, Contenance!«, mahnte Anton, derzeit Graf Weesenstein, lachend, als das Einsteigen trotz aller Bemühungen des Gondoliere, das Boot ruhig zu halten, nicht ohne Schaukeln vor sich gehen wollte. Aber auch Jan sah mit heimlichem Vergnügen, dass sein junger Herr verdächtig eilig unter dem Verdeck, der Falze, Platz nahm. Antons frisch rasiertes Kinn und sein Mund – das Einzige, das Maske und Hut von seinem Gesicht preisgaben – wirkten im Schein der Fackeln ziemlich blass.
»Ihr werdet doch nicht unwohl sein, Euer Gnaden?«
Jan bekam für diese Äußerung mit dem Taschentuch eins übergezogen. »Quark! Und wenn, dann nur wegen der unendlichen Konversation, die uns auf dem Ball bevorsteht. Und nun schweige still! Sonst bin ich schon vorher stockheiser.«
Der Prinz gab dem Gondoliere ein Zeichen, und sie legten ab. Jan hätte festen Boden unter den Füßen natürlich vorgezogen, doch das dunkle, kabbelige Wasser machte ihm nicht wirklich etwas aus. Außerdem ruderten die Gondoliere flott durch den regen Verkehr auf dem Canal Grande. Inkognito oder nicht, der Rat der Zehn von Venedig, der natürlich Antons wahre Identität kannte, hatte es sich nicht nehmen lassen, dem jungem Herrn für seine Fahrten in der Stadt Trompeter auf einem vorausfahrenden Boot zu bewilligen. Deren Fanfarenstöße zeigten allen anderen Wasserfahrzeugen an, dass dem Konvoi Prinz Antons von Sachsen die Bahn freizugeben sei. Was meist ohne viel Geschrei der Schiffer vonstattenging.
Jan betrachtete derweil die Fassaden rechts und links. Der Nebel hing zwischen den Häusern nicht ganz so dicht wie über dem freien Wass