01 | Suche
Ein Mann namens Niklas Turner stand am äußersten Rand der Realität und wartete auf den Beginn der ewigen Nacht. Die Sonne hing tief und rot am Himmel. Eine blasse, verwaschene Kugel, die in einem trüben Nebel schwamm, als wollte sie aus ihrer Form fließen, um zerschmelzend hinter den Horizont zu laufen, wie Farbe von einer Wand hinunterläuft. Auf ihrem Weg in die Nacht bedeckte sie die Welt mit tiefen Schatten, welche mit jeder Minute länger wurden.
Niklas stand regungslos und beobachtete konzentriert die Grenze des Gartens vor ihm, während er dem Haus den Rücken zuwandte. Der Übergang flackerte und die Luft darüber flirrte, wie der Horizont einer Wüste während der Mittagshitze.
Der Mann verharrte so dicht am Rande des Grundstücks, dass er beobachten konnte, wo genau die beiden Realitäten aufeinandertrafen. Die Grenze verschwamm ihm ein wenig vor den Augen, wie heiße Luft eine endlose Landstraße verschwimmen und unwirklich werden lässt. Trotzdem war es hier geradezu empfindlich kalt. Er stand schon eine ganze Weile hier, darauf wartend, dass die Welt jenseits des Gartens endlich real würde. Er zog an seiner Zigarette und blies den Rauch in den Übergang. Eine unsichtbare Wand hielt den Qualm auf. Dahinter schob sich die Welt immer wieder aus seinem Fokus heraus und wieder zurück, wie das Bild in einer Kamera, das endlich scharf gestellt werden will. Er schüttelte den Kopf und zog den schweren, gefütterten Mantel enger um sich.
»Was ist los?«, fragte eine ungeduldige, weibliche Stimme. »Worauf wartest du?« Sie schien irgendwo in den Tiefen seines Mantels zu entstehen und klang tief und wohltönend. Niklas hatte schon vor langer Zeit entschieden, dass sie klang wie flüssige Schokolade.
Er war ein hoch gewachsener, hagerer Mann, soweit sich das unter den dicken Pelzschichten erkennen ließ, der im Moment sehr müde wirkte. Er fuhr sich mit der freien Hand über das Gesicht, strich durch den kurzen Vollbart und nahm schließlich die Brille ab, um sich mit dem Handrücken über die Augen zu reiben. Ohne Brille sah man, wie erschöpft er sein musste. Die Brille wieder aufsetzend, nahm er einen letzten Zug von seiner Zigarette. Mit einer lässigen, viel zu oft praktizierten Geste, schnippte er den Filter mit der letzten Glut in den Übergang hinein.
Genau an dem Punkt, an welchem die schwach wabernden Luftschichten aufeinandertrafen, blieb die Kippe in der Luft stecken. Dort hing der kleine, schimmernde Glutpunkt, als wäre er plötzlich verwirrt über seine ihm zugedachte Flugbahn. Die Glut nach außen gerichtet, qualmte sie weiter und flackerte immer wieder in und aus der Realität.
»Der Übergang ist nicht