Erstes Kapitel
All diese Ereignisse hatten Fräulein von Verneuil so im tiefsten Grunde aufgewühlt, daß sie sich kraftlos und wie tot in den Wagen zurücksinken ließ, nachdem sie befohlen hatte, nach Fougères zu fahren. Auch Francine schwieg. Der Postillon für sein Teil fürchtete irgendein neues Abenteuer und trieb seine Pferde zu solcher Eile an, daß bald der Gipfel der Pèlerine erreicht war.
Das schöne, breite Couësnon-Tal, in dem sich der Anfang unserer Geschichte zugetragen, lag in dichtem, weißlichem Morgennebel da, als Fräulein von Verneuil hindurchfuhr, so daß sie von dem hohen Punkt aus kaum den Schieferfelsen zu unterscheiden vermochte, auf dem die Stadt Fougères erbaut ist. Noch waren sie etwa drei Meilen davon entfernt. Als sie vor Kälte zu erstarren begann, fiel Marie plötzlich der arme Soldat ein, der hinten aufgesprungen war, und sie bestand trotz seiner Einwände darauf, daß er sich neben Francine setzte. Die Ankunft in Fougères riß sie dann wieder für einen Augenblick aus ihrem Hinbrüten, denn da der am Sankt Leonhardstor aufgestellte Wachtposten die Fremden nicht in die Stadt hineinlassen wollte, sah sie sich genötigt, den Brief des Ministeriums vorzuzeigen. Im Inneren der Stadt angelangt, deren Einwohner damals ihre eigenen Verteidiger waren, war sie endlich vor allen feindlichen Überfällen geschützt. Da der Postillon keine andere Unterkunft für sie wußte, stieg sie im Posthause ab.
»Gnädiges Fräulein,« sagte Beau-pied, »sollten Sie einmal mit irgend jemand eine Rechnung haben, die nur mit ’nem Säbelhieb beglichen werden kann, so stehe ich zu Ihren Diensten. Auf so was verstehe ich mich nämlich. Ich heiße Jean Falcon, genannt Beau-pied, und bin Sergeant der ersten Kompagnie von Hulots Jungen, zweiundsiebzigste Halbbrigade. Die Mainzer haben sie uns getauft. Entschuldigen Sie, daß ich so dreist und anmaßend bin. Aber ich kann Ihnen außer meinem Soldatenherzen nichts anbieten – habe augenblicklich nichts weiter zur Hand …«
Und er drehte sich auf dem Absatz um und ging pfeifend fort.
»Je tiefer man in die Gesellschaft hinabsteigt,« sagte Fräulein von Verneuil bitter, »um so hochherzigere Gefühle findet man, ohne daß irgendein Wesen davon gemacht würde. Ein Marquis vergilt mir das Leben mit dem Tode, und ein Sergeant … Doch schweigen wir davon!«
Als Marie in ihrem warmen Bette lag, wartete ihre treue Gefährtin umsonst auf das freundliche Wort, an das sie gewöhnt war. Das einzige, was die Herrin ihr in ernstem Tone sagte, da sie sie so beunruhigt bei sich stehen sah, war:
»Das nennt man einen Tag, Francine. Ich bin um zehn Jahre älter geworden.«
Am folgenden Morgen in aller Frühe klopfte Corentin bei Marie an, und sie erlaubte ihm, einzutreten.
»Francine,« verspottete sie sich selbst, »wie groß muß mein Unglück sein, wenn Corentins Anblick mir nicht ganz zuwider ist!«
Nichtsdestoweniger verspürte sie beim Wiedersehen dieses Man