: Josephine Mutzenbacher
: Leonie Olsen
: Meine 365 Liebhaber
: Books on Demand
: 9783756819508
: 1
: CHF 2.00
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 256
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
"An den Fenstertischen hinter großen Spiegelscheiben saßen lauter Mädeln so wie ich. Sie ließen sich von den Männern, die vorbeigingen, bewundern, rauchten und sahen nur selten hinaus. Sie saßen wie in einer Auslage. Das Café Oberlechner war ein Rendezvouscafé und wenn einem Herrn draußen eine besonders gefiel, ging er hinein und setzte sich an einen Nebentisch. Das Mädel tat dann, wie wenn sie nichts bemerken möcht, aber sie kreuzte die Beine und ließ ihre Knöchel und den Spitzenunterrock bewundern." Meine 365 Liebhaber ist der zweite Roman, der unter dem Namen Josephine Mutzenbacher veröffentlicht wurde. Der erste Band gilt als ein Meisterwerk der klassischen Erotik."Meine 365 Liebhaber" erzählt in der gleichen unverblümten Sprache und mit Wiener Schmäh Josephines Erlebnisse als Dirne im Wien der Jahrhundertwende: Wie sie mit wechselnden Liebhabern von jung bis alt verkehrt, welche Erfahrungen sie im Bordell macht und wie sie schließlich ihr eigenes erotisches Lokal eröffnet."Ohne Trinkgeld kommt man halt nicht weiter und ein hübsches Frauenzimmer hat halt das schönste Trinkgeld zwischen den Beinen. Damit kann man jedes Mannsbild bestechen, Kellner, Hausmeister, Wachmänner auch. Nur die Reichen müssen mehr zahlen, aber dazu haben sie's ja."

Der tatsächliche Autor des Werkes ist unbekannt, vermutlich handelt es sich nicht um denselben, der den ersten Band verfasst hat - aber wer weiß das schon ...

Der neue Freund


Es hat mir immer Spaß gemacht, sowas wie ein Tagebuch zu führen. Es macht einem viel Freude, solche Sachen später einmal durchzulesen und sich manches in die Erinnerung zurückzurufen. Man sieht, wie man älter und gescheiter wird — manche werden freilich nie gescheit — und muß manchmal lachen, wenn man an allerhand komische Begebenheiten erinnert wird. Und wenn man von Zeiten liest, wo es einem schlecht gegangen ist, freut man sich, das das längst vorbei ist. Und man sieht immer wieder, daß das alte Wort: »Durch Schaden wird man klug« wahr ist. So hab ich denn von Zeit zu Zeit mich hingesetzt und allerhand aus meinem Leben aufgeschrieben und heut als Alte — jaja, als Alte — les ich ganz gern meine eigene Lebensgeschichte durch. Diese Blätter aber sollen nach meinem Tod verbrannt werden. Ich habs zu meinem eigenen Vergnügen aufgeschrieben und nicht für andere Leute, auch für meine nächsten Verwandten nicht. Ich hab so gelebt, wie meine Natur es mir vorgeschrieben hat und hab mich immer bemüht, keinem Menschen weh zu tun. Eine »Bisgurrn«, wie man in Wien sagt, bin ich glaub ich nicht gewesen und man hat sich mit mir gut vertragen können. Das es in meinem Beruf oft Streitereien und Tratsch und allerhand Schererei gibt, ist ja leider wahr, aber ich war nie nachträglich und bin meist selbst dabei gut gefahren. Die Männer haben sich bei mir gut unterhalten und brav gezahlt und oft hab ichs auch umsonst getan, denn ich hab immer gern gevögelt. Ein paarmal war ich nah dran, mich verhauen, hab mich aber immer noch rechtzeitig »derfangen«, wie man in Wien sagt. Das alles les ich aus meinem Tagebuch heraus. Aber es ist nicht dazu da, damit andere sich daran aufgeilen, meiner Seel, nein. Wenn wer sein Vergnügen haben will, so soll er selbst vögeln. Ich hab für mich gevögelt und hab es schön gemacht. Aber von Vögeln lesen, das hat eine wie ich nicht nötig. Wenn man überstandene Remmeleien liest, das kommt mir immer so vor, wie ein aufgewärmtes Essen. Da ist es mir auch lieber, wenn mein Tagebuch verbrannt wird, es geht keinen was an.


Ich hab schon erzählt, wie ich von unserm Mieter und seiner Geliebten »abgerichtet« und auf den Strich geführt worden bin. Sie haben mich brav angelernt und ich hab mit meiner Freundin viel erlebt. Jeden Tag hab ich was Neues gesehen und sie hat mir alles erklärt und ich hab alles schnell begriffen, denn ich war immer gern eine Dirne, so komisch das vielleicht klingt. Ich glaube, es ist besser, das zuzugeben, als wenn eine weiß Gott wie heilig tut, wie eine Betschwester und im geheimen vögelt sie ärger als unsereine, die schließlich davon leben muß. Leicht ist das Geschäft wirklich nicht und manchmal muß man sich schon zusammennehmen, daß man dem Mann nicht zeigt, wie er einem graust. Fast jeder hat besondere Wünsche und Kleinigkeiten, die er gern hat und wenn eine das vom Anfang an spürt, zahlt er gern recht nobel. Nicht nur in der Fummel, auch in den Fingern und in der Zunge und eigentlich überall muß man des Gefühl dafür haben, was so einem Mannsbild gut tut. Und wenn man sowas macht um sein Brot damit zu verdienen, darf man eben nicht auf sein eigenes Vergnügen schauen. So ein Mannsbild liegt auf einem, stoßt und sticht und bohrt und keucht vor Geilheit und wenn er fertig ist, brummt er manchmal noch. Ich hab mir immer auch was fürs Herz ausgesucht, auch wenn das nur so zwischendurch war. Hab ich ein recht schäbigen, schiechen und ekelhaften Kerl bedient, hab ich womöglich noch am selben Abend mit einem Feschen gepudert, damit ich wieder »auf gleich komm«.


Hübsch war ich und jung und nicht auf den Mund gefallen und hab immer dabei noch allerhand Witze gemacht, das haben viele gern. Wenn sie mich haben ausfragen wollen, woher ich bin, was meine Eltern sind und so, bin ich immer ausgewichen. So blöde Schwindelgeschichten, wie die Mädeln sie oft