: Clifford Chatterley
: Der gehörnte Figaro und andere Cuckold-Geschichten
: Books on Demand
: 9783756896141
: 1
: CHF 2.50
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 76
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Fünf abgeschlossene Geschichten, fünf Zeitalter, fünf verschiedene Perspektiven auf das Thema Cuckolding: In der titelgebenden Geschichte vom gehörnten Figaro erzählt Suzanna, die Zofe der Gräfin Rosina und Geliebte des Grafen Almaviva, ihre eigene Version über ihre Hochzeit mit dem Barbier von Sevilla. Die Geschichte von Josef und Marie führt uns keineswegs in das Palästina der Zeitenwende, sondern in ein finsteres Tal zu Beginn des vorigen Jahrhunderts, in dem eine Bauernfamilie immer noch das Sagen hat. In der Seeräuber-Jenny erzählt uns Markus, ein Gelegenheitsarbeiter im Hamburger Hafenviertel, wie er die Jenny in einer Kneipe kennen und lieben gelernt und mit ihr die Wirrnisse der Weltwirtschaftskrise überstanden hat. Menelaos, der König von Sparta, erzählt uns seine Version der Geschichte vom Raub seiner Gattin, der schönen Helena, durch Paris, den trojanischen Krieg und ihre Heimkehr aus Ägypten. Und mit Alma lernen wir eine Dame der Wiener Gesellschaft in den frühen Zwanziger Jahre kennen, die sich nach dem Tod ihres ersten Gatten selbst in den Mittelpunkt stellt und sich dabei nichts abgehen lässt.

Clifford Chatterley hat sich als Autor zahlreicher Romane und Kurzgeschichten, die sich mit allen Facetten des Themas Cuckolding beschäftigen, einen Namen gemacht.

Josef und Marie


Sie hatten es nicht eilig, die Brenners, als im Tal bekannt wurde, dass ich mit Marie ging. Nichts war eilig bei uns im Tal, die Brenners wussten, dass alles seine Ordnung haben würde, dass alles seinen Weg gehen würde. Und sie hatten Zeit und Geduld zu warten, bis ihren Schutzbefohlenen das eine oder andere ausging. Oder beides.

Aber alles schön der Reihe nach: Mein Name ist Josef. Zu der Zeit, wo die Geschichte spielt, war ich Anfang zwanzig, der einzige Sohn auf einem der Pachthöfe der Brenners. Ob man mich schön nennen hätte können, weiß ich nicht, ich selbst fühlte mich als nichts Besonderes, ich ragte einen Meter fünfundachtzig in die Höhe, von kompakter, vierschrötiger Statur, wie sie die Arbeit auf einem Bergbauernhof formt. Einzig mein krauses, fast blondes Haar war ungewöhnlich und wohl meiner Mutter geschuldet, deren rötliches Haar stets ein wenig keck unter dem Kopftuch vorlugte und ihr sommersprossiges Gesicht mit den freundlichen grünlichen Augen hübsch einrahmte. Sie war von auswärts ins Tal gekommen; zu welchen Bedingungen, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass mein Vater mich immer angenommen hatte wie seinen eigenen Sohn, also war er mein Vater. Die schlichte, das Gehorchen gewohnte Psyche eines einfachen Bauernsohnes verhinderte sehr lange, dass ich mir die Frage überhaupt zu stellen wagte, die doch so offenkundig i