Das Seminar
Das erste Mal hat Anne die Dunkelheit vor einem halben Jahr kennengelernt, mitten in einem schamanischen1Seminar mit 60 Teilnehmern. Sie erinnert sich noch genau an dieses Ritual, die Erinnerungen von damals erscheinen in ihrem Kopf, als ob es heute wäre:
Alle Teilnehmer tragen ihr Schamanenkostüme. Diese symbolisieren die geistige Energie, das Krafttier oder den inneren Lehrer, mit denen jeder Einzelne am intensivsten arbeitet. Die Trommeln sind stark, ihr gleichmäßiges Pulsieren hält die Schamanen in der Trance, lässt sie sich mit dem Geist verbinden, mit dem sie wirken.
Sie ist verschmolzen mit ihrer stärksten Kraft, dem geistigen Lehrer. Ihre Schamanenmaske mit den Augenschlitzen und dem Kranz aus Blättern lässt nur wenig Sicht zu. Es ist mehr Spüren als Sehen, so verschmolzen ist sie mit dem Lehrer. Leicht ist sie und ein wenig schwindelig im Kopf und gleichzeitig glasklar und hellwach. Ein irres Gefühl. Ständig überlegt sie, ob sie sich das jetzt nur einbildet oder ob ihr geistiger Lehrer, der Engel, wirklich mit ihr verschmolzen ist. Ist die Verbindung echt? Ist sie in ihrem weißen Schamanenponcho mit den vielen Fransen eins mit ihrem inneren Lehrer, der Lichtgestalt? Oder ist sie doch zu sehr sie selbst? Sie, die so viel Dunkles in sich spürt, deshalb die schwarze Hose anlässt und sich nicht komplett weiß kleiden mag, damit sie nicht völlig aufgehen muss, in diesem ewigen Gut sein und Licht sein. Die Verweigerin, die trotzdem die Hoffnung in sich trägt, dass die Geister Mitleid mit ihr haben. Und dann dieser