KAPITEL EINS
Rowan
Die letzte Beerdigung, die ich besucht habe, endete für mich mit einem gebrochenen Arm. Die Geschichte geriet in die Schlagzeilen, nachdem ich mich in das offene Grab meiner Mutter geworfen hatte. Seit diesem Tag sind zwei Jahrzehnte vergangen, und obwohl ich mich als Person vollkommen verändert habe, ist meine Aversion gegen das Trauern dieselbe geblieben. Aufgrund meiner Verantwortung, die ich als jüngster Angehöriger meines verstorbenen Großvaters trage, erwartet man jedoch von mir, dass ich während seiner Totenwache aufrecht und scheinbar ungerührt dastehe. Das ist beinahe unmöglich, weil meine Haut so juckt, als trüge ich einen billigen Anzug aus Polyester.
Meine Geduld schwindet langsam, während sich die Stunden dahinziehen, und Hunderte von Angestellten und Geschäftspartnern der Firma Kane mir ihr Beileid bekunden. Wenn es eines gibt, das ich noch mehr verabscheue als Beerdigungen, dann ist es, mit Leuten zu reden. Es gibt nur ein paar Menschen, die ich ertrage, und mein Grandpa war einer von ihnen.
Und jetzt ist er fort.
Das Brennen in meiner Brust wird stärker. Ich weiß nicht, warum es mich so sehr quält. Ich hatte Zeit, mich darauf einzustellen, während er im Koma lag, und dennoch kehrt das merkwürdige Gefühl hinter meinen Rippen jedes Mal, wenn ich an ihn denke, mit voller Wucht zurück.
Ich fahre mir mit einer Hand durch mein dunkles Haar, damit ich irgendwas zu tun habe.
»Herzliches Beileid, mein Sohn.« Ein namenloser Trauergast unterbricht meine Gedanken.
»Sohn?« Das eine Wort aus meinem Mund klingt so giftig, dass der Mann zusammenzuckt.
Er rückt nervös seine Krawatte zurecht. »Ich … nun … äh.«
»Sehen Sie es meinem Bruder nach. Er hat mit seiner Trauer zu kämpfen.« Cal legt mir eine Hand auf die Schulter und drückt sie leicht.
Der Wodka- und Minzegeruch seines Atems schlägt mir ins Gesicht, und ich schneide eine Grimasse. Mein mittlerer Bruder mag perfekt gekleidet sein in seinem edlen Anzug und mit dem makellos gestylten blonden Haar, aber seine rot umrandeten Augen erzählen eine ganz andere Geschichte.
Der Mann murmelt ein paar Worte, aber ich mache mir nicht die Mühe zuzuhören, sondern steuere den nächsten Ausgang an.
»Ich hab mit meiner Trauer zu kämpfen?« Auch wenn es mir nicht gefällt, dass mein Großvater gestorben ist, habe ich mit nichts zukämpfen, außer mit diesem unangenehmen Sodbrennen.
»Locker bleiben. So was sagen Leute nun mal auf Beerdigungen.« Cals blonde Augenbrauen ziehen sich zusammen, während er mich fest ansieht.
»Ich brauche keine Entschuldigung für mein Verhalten.«
»Nein, aber du brauchst einen Grund dafür, unseren größten Investor für das Hotel in Shanghai zu verschrecken.«
»Verdammt.« Ich ziehe die Einsamkeit nicht ohne Grund vor. Small Talk erfordert zu viel Mühe und Diplomatie für meinen Geschmack.
»Kannst du wenigstensversuchen, noch eine Stunde nett zu sein? Zumindest bis die wichtigen Leute gegangen sind?«
»Ich versuche es doch schon.« Mein linkes Auge zuckt, während ich die Lippen zusammenpresse.
»Nun, dann streng dich mehr an. Für ihn.« Cal deutet mit dem Kopf zu dem Bild über dem Kamin.
Ich stoße zittrig die Luft aus. Das Foto ist während eines Familienausflugs ins Dre