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Rae
Das ist alles nur ein Albtraum. Sobald ich aufwache, wird sich alles in Luft auflösen und ich werde nur noch darüber lachen.
So muss es sein. Ganz sicher.
Aber egal wie lange ich auf den Bildschirm starre, es verändert sich nichts.
Ich wache nicht auf.
120.000 Aufrufe in den letzten vierundzwanzig Stunden.
Immer wieder aktualisiert Adam die Seite der derzeit angesagtesten Onlineplattform kissandhug, und es scheint kein Ende zu nehmen. Das Foto wurde bereits über vierhundert Mal geteilt, und sogar auf Facebook und Instagram ist es zu sehen. Es ist fast, als hätten die Menschen in New York nur ein einziges Thema.
Mich und meinen nackten Körper.
»Man kann deinen Bauchnabel sehen.«
Adams trockener Kommentar lässt mich zusammenzucken. Es sind die ersten fünf Wörter, die er sagt, seitdem ich vor einer Stunde die Seite aufgerufen und ihm das Foto gezeigt habe, das mir George, mein Boss, kurz zuvor über WhatsApp geschickt hat.
Sag mir, dass das nicht du bist, Rae.
Darunter war das Bild zu sehen, das mich in den Abgrund gerissen hat.
Immer noch entsetzt starre ich auf das Foto auf dem Bildschirm meines Laptops. Egal wie oft ich es betrachte, es fühlt sich vollkommen surreal an.
Ich liege auf einem Bett, die Augen halb geschlossen, und halte ein Glas Champagner in der rechten Hand. Die silberne Satindecke schmiegt sich wie eine Schlange um meinen Körper und verdeckt einen Teil meiner Haut.
Aber leider nicht alles.
Adam hat vollkommen recht. Man kann meinen Bauchnabel sehen und auch noch eine Menge mehr.
Er steht hinter mir, ich kann seinen Blick auf mir spüren. Es ist nicht seine Art, mich zu verurteilen, dafür ist er schon zu lange mein bester Freund, aber ich schätze, mit diesem Nacktfoto ist seine Toleranzgrenze überschritten.
»Was hast du da im Mund?«
»Eine Erdbeere.« Beschämt schließe ich die Augen und presse die Lippen zusammen. Ich erinnere mich, wie der Zimmerservice des Lincoln Hotels uns nur wenige Minuten vor besagtem Foto eine Schale mit Erdbeeren und eine Flasche Dom Pérignon vorbeigebracht hat. Das dämliche Grinsen auf seinem Gesicht habe ich damals vollkommen falsch gedeutet.
Wenn es nicht so furchtbar wäre, könnte ich fast darüber lachen. Sean hat sich diesen Abend echt etwas kosten lassen.
Natürlich ist mir bewusst, dass es eine dumme Idee gewesen ist, mich fotografieren zu lassen. Nackt, wohlgemerkt. Aber ich habe nicht damit gerechnet, dass Sean so ein Freak ist.
Ein komplett durchgeknallter Irrer. Wer weiß, wie oft er diese Tour schon bei anderen Frauen durchgezogen hat?
Ich blinzle, werfe einen kurzen Blick über meine Schulter und stöhne auf. Adam starrt mich an, und sein Gesichtsausdruck ist voller Genugtuung, gepaart mit einem Schuss Mitleid und etwas Wut. Na schön. Damit muss ich klarkommen. Ich habe wirklich Mist gebaut.
»Erinnerst du dich, was ich dir an dem Abend im Stanley’s gesagt habe? Kurz bevor du mit ihm verschwunden bist?«
Ich verdrehe die Augen und nicke. Schon seine Anmache an diesem besagten Abend vor drei Wochen war Adam ein Dorn im Auge gewesen.
Ich habe eine Schwäche für Schönheit, und du bist momentan meine persönliche Nummer eins. Darf ich dich fotografieren?
Ich hätte Nein sagen müssen, aber seine tiefe dunkle Stimme und dieses Glitzern in seinen Augen hatten es geschafft, dass ich all meine Überzeugungen über Bord geworfen habe. Es gibt nicht viel, worauf ich bei One-Night-Stands Wert lege. Aber Nacktfotos und der Verzicht auf Verhütungsmittel sind für mich ein absolutes No-Go. Beides sind Dinge, die das Leben elementar verändern können, wenn man gegen seine Prinzipien verstößt.
Und jetzt stehe ich genau vor diesem Problem. Gott sei Dank habe ich wenigstens auf die Verhütung bestanden.
Das Internet vergisst bekanntlich nichts. Selbst, wenn es der Polizei gelingen sollte, die Bilder aus dem Netz zu löschen, schwirren sie immer noch im dunklen Internetnirwana herum. Für immer.
Der Gedanke, für den Rest meines Lebens mit diesem dämlichen Fehler konfrontiert zu werden, jagt mir eine Höllenangst ein. Ich habe eine Karriere vor mir, und dieses bescheuerte Foto droht mir gerade alles zu zerstören.
Ich atme tief ein. »Ich erinnere mich noch sehr gut an deine Worte. Traue niemals einem Mann, der dich lieber durch die Linse einer Kamera betrachtet als mit dem bloßen Auge. Er sieht Dinge, die anderen verborgen bleiben.«
»Wie es aussieht, habe ich recht gehabt.«
Wütend funkle ich ihn an. »Jedes Mal, wenn jemandem ein Unglück widerfährt, sprießen die guten Ratschläge wie Unkraut aus dem Boden. Ich bin mir sicher, dass ich diesen Fehler beim nächsten Mann nicht mehr begehen werde. Aber vermutlich täusche ich mich auch, und ich bin dafür prädestiniert, auf die falschen Männer hereinzufallen. Vielleicht ist der nächste Kerl ein Buchhalter, der seine Affären auf einer Excelliste festhält, während seine Frau zu Hause auf ihn wartet. Oder …«
»Oder du findest einen ganz normalen Mann, der dich ohne Hintergedanken liebt«, unterbricht er mich. »Bei dem du sein darfst, wie du bist, und für den du keine Rolle spielen musst.« Er greift nach meiner Hand und zieht mich nach oben, dann legt er mir die Arme um die Schultern. »Es wird Zeit, dass du nicht mehr suchst, Rae, sondern findest.«
»Ich suche nicht«, murmele ich an seiner Brust und atme seinen Duft ein, der mich sofort an Zuhause erinnert. Meine Art von Zuhause.
»Oh doch. Du weißt es nur nicht.«
Er löst sich von mir, und ein Lächeln umspielt seine Lippen, als sein Blick wieder zu meinem Schreibtisch wandert.
»Niemals hätte ich gedacht, dass Sean zu so etwas fähig ist«, murmele ich.
»Nun ja, One-Night-Stands bergen nun mal ein gewisses Risiko. Aber das muss ich dir ja nicht sagen.«
Ich rümpfe die Nase, drehe mich um und mache mich auf den Weg in die Küche. Adam ist der Meinung, meine Anzahl an One-Night-Stands entspricht der Stockwerkanzahl des Empire State Building, aber das ist natürlich Unsinn. Sie befinden sich definitiv im zweistelligen Bereich.
Adam kommt mir hinterher, lehnt gegen den Türrahmen und verschränkt die Arme vor der Brust.
Ich hole eine Flasche Corona und eine 7 Up aus dem Kühlschrank und halte ihm das Bier fragend hin. Es ist eher eine rhetorische Frage, Adam ist bekannt dafür, dass er ausschließlich mexikanisches Bier trinkt. Muss an seiner hispanischen Herkunft liegen. Egal, wie oft ich versuche, ihn zu einem guten Pale Ale zu überreden, verzieht er nur angewidert das Gesicht.
In der ganzen Aufregung habe ich meine Gastfreundlichkeit vollkommen vergessen. Obwohl er wie der Bruder ist, den ich nie hatte, benimmt er sich in meinem Apartment, als wäre er ein seltener Gast. Ohne seine Antwort abzuwarten, öffne ich eine Flasche, drücke ein Stück Limette hinein und halte sie ihm hin.
»Danke.« Er grinst und nippt daran.
Einen Augenblick starren wir uns stumm an. Ich weiß nicht, wie viele Male wir hier in meiner Küche zusammengesessen haben und er mir die Hölle heißgemacht hat, weil ich mal wieder mit irgendeinem Kerl nach Hause gegangen bin.
Während alle anderen mit dem Finger auf mich zeigen, hält Adam zu mir.
»George wird ausrasten, wenn er die Fotos sieht.«
Ich atme tief ein, dann lasse ich die Bombe platzen.
»Er weiß es schon.«
Adam verschluckt sich an seinem Bier. »Du machst Witze.«
Ich schüttle den Kopf und trinke einen weiteren Schluck. »Leider nicht. Er hat das Foto im Netz entdeckt. Ohne seinen Tipp wäre ich immer noch ahnungslos.«
Besorgnis macht sich auf Adams Gesicht breit. Er arbeitet zwar zusammen mit mir bei New York Estate, ist aber für die Stadtteile Queens und Brooklyn zuständig, während ich ausschließlich in Manhattan arbeite. Adam kennt George nur aus meinen Erzählungen, aber das reicht ihm, um sich eine Meinung über ihn zu bilden.
Und es scheint keine gute Meinung zu sein.
»Scheiße! Wie hat er reagiert?«
»Er hat gesagt, er wolle meinen hübschen Hintern erst wieder im Büro...