: Uwe Siebert
: Herbstnacht in Northern Creek
: Pandämonium
: 9783944893266
: 1
: CHF 4.50
:
: Horror
: German
: 202
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Ein Fluch lastet auf der Familie Blackburn. Cameron, der letzte männliche Nachkomme einer langen Ahnenreihe, ist von Geburt an dazu bestimmt, seinen Leib einem finsteren Wesen mit Namen Neamonar zu überlassen. Seit Jahrtausenden wartet Neamonars Geist im Jenseits auf eine Möglichkeit, ins Leben zurückzukehren. Gestärkt durch unzählige Menschenopfer, sehnt er die einzige Nacht des Jahres herbei, in der die Welten der Lebenden und der Toten miteinander verschmelzen: Halloween, das Fest am Vorabend zum Allerheiligentag. Als diese unheilige Nacht endlich da ist, wird das kleine Dorf Northern Creek von den bösen Mächten heimgesucht, Geister gehen auf den Straßen um, und eine Zeit des Grauens bricht an. Nur Claire Lockhart wagt es, sich Neamonar und seinem Auserkorenen entgegenzustellen. Dabei erhält sie unerwartete Hilfe aus dem Reich der Toten.

Bereits seit seiner Kindheit begeistert sich Uwe Siebert für Literatur. Schon früh ersann er eigene Geschichten. Im Verlauf seines Lebens entwickelte er ein großes Interesse für archaische Mythen und Sagen, die er in das Konzept seiner Romane einfließen ließ. Besonders beliebt sind seine Dark-Fantasy-Geschichten um den grausamen Krieger Larkyen, der in einer frühzeitlichen Welt ums Überleben kämpft. Uwe Siebert betrieb zwischenzeitlich diverse berufliche Tätigkeiten, so führte er u. a. einen Underground Mailorder für Rock - und Heavymetal Bands. Er lebt im Landkreis Kassel. Jedes Jahr verbringt er einige Zeit in Norwegen und erfreut sich an der dortigen Landschaft, sowie an ausgedehnten Wandertouren durch das Hochgebirge. Auch weiterhin widmet er sich mit großer Freude dem Schreiben.

Kapitel 1


Die Felsen vor der Küste waren so alt wie die Zeit. An manchen Tagen färbte sich das zerklüftete Gestein pechschwarz, ragte wie eine Reihe von Zähnen aus dem Wasser. Immer wenn es stürmte, schien die ganze Region Teil einer anderen Welt zu sein, die keine Menschen duldete.

Hart prasselten Regentropfen auf das Deck des Kutters und erzeugten ein monotones Stakkato, dem zu lauschen Robert Blake nun schon seit Stunden gezwungen war. Er warf eine weitere Reuse aus. Es war immer riskant, während des schlechten Wetters so nahe vor der Küste zu fahren, doch bei dem Felsenriff bot sich die beste Gelegenheit, Hummer zu fangen. Ein Seemann scheute weder Wind noch Regen. Robert und die restliche Besatzung konnten es sich nicht leisten, ein weiteres Mal ohne einen Fang nach Gloucester zurückzukehren.

Der Regen wurde stärker, die Sicht verschlechterte sich. Eine Welle fegte über das Deck und riss Robert von den Beinen. Er prallte gegen die Reling. Sterne tanzten vor seinen Augen. Die nächste Welle nahm ihn mit sich. Wie durch tausend Schleier erklang der RufMann über Bord. Die Umarmung des Meeres war kalt, so eisig kalt. Die Strömung umspielte seine Beine, zog an seinem Leib und trieb ihn rasch fort von dem Kutter. Nicht weit von ihm entfernt ragte das Riff auf, dunkles Gestein… Zu dem Prasseln des Regens und dem Tosen der Wellen gesellte sich eine fast unhörbare Melodie, die sich unaufhaltsam ihren Weg an seine Ohren suchte. Vor seinen Augen leuchtete das Gesicht einer Frau auf – einer wunderschönen Frau mit hinreißenden Augen und glatter Haut. “Mein Gott, Claire.“ Er glaubte ihre Lippen schmecken zu können, wie bei einem allerletzten Kuss. Ein ohrenbetäubender Knall ließ seine Welt zerspringen und alles was dazu gehörte. Dunkelheit umarmte ihn, dann verstummte die Melodie, und mit ihr das Stakkato des Regens.

Die Felsen vor der Küste sind so unglaublich hart...

~


Von all den Dingen, die Kummer und Schmerz bereiten können, ist der Verlust eines geliebten Menschen das schlimmste, das wusste Claire Lockhart, und nie wieder im Leben würde sie diese Tatsache vergessen. Die asphaltierte Straße schlängelte sich den Hügel hinauf, und Claire bewegte sich unsicher voran, mit beinahe zaghaften Schritten. Ihr Puls beschleunigte sich, als sie den Friedhof erreichte. Mit ihren Fingern fuhr sie an dem Metallgitterzaun entlang, der die Welt der Lebenden vom Reich der Toten trennte. Während sie zwischen den Gräberreihen hindurchging, konnte sie auf die Küste hinabsehen, die sich als ein langer Streifen aus Sand und Felsgestein in der Ferne verlor. Vom Atlantik kam ein nasskalter Wind. Der Herbst schien hier früher Einzug zu erhalten als sonst irgendwo im Land. Die meisten Gräber waren bereits von goldgelbem Laub gesäumt, und immer wieder taumelten neue Blätter aus den Baumkronen zur Erde und knisterten unter Claires Schritten. Vor einem weißen marmornen Grabstein blieb sie schließlich stehen. Ihr Blick überflog die eingemeißelten Lettern einer Inschrift, die für fremde Augen nichts als ein bedeutungsloser Name war. Für Claire aber bedeute jener Name die Welt:Robert Blake.

Ihr Verlobter war Anfang September bei einem Unfall gestorben. Der Fischer war am frühen Morgen wie gewohnt mit dem Auto nach Gloucester gefahren und mit einem Kutter in See gestochen. Das Meer hatte sein Leben genommen, wie es schon viele Leben genommen hatte. Manchmal fraß es die Fischer sogar mit Haut und Haaren auf, doch Roberts leblosen Leib hatte es nur vier Wochen vor der geplanten Hochzeit zurück an die Küste gebracht. Seit jenem Tag war ihr Schicksal eng mit diesem Friedhof verknüpft, sie kannte di